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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 75

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Das Oktroy der jüdischen Emanzipation
Date
1921-01-01
Page
75 (sequence 4)
Language
German
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Das Oktroy der jüdischen Emanzipation 75 Mit einem Schlage erscheint uns so die Gewährung der Gleichberechtigung in einem ganz anderen Lichte; das faktisch einflußlose Volk war damals kein Kontrahent der jüdischen Gruppe; sie hatte vielmehr ausschließlich die numerisch schwache, damals aber maßgebende Intelligenz zum Partner, die gerade in diesem Punkte die besonderen Anschauungen der Menge eben nicht zur Geltung bringen konnte und wollte; es fehlte also der Konsens der Majorität. Ist ihrem ganzen Inhalte nach die Judenemanzipation auch zweifelsohne eine große, durch Freimachung gebundener Kräfte segensreiche, für die Juden ungemein bedeutungsvolle Tat gewesen, so stellt sie sich dennoch nicht, wie die herkömmliche Betrachtungsweise es sich darzustellen bemüht, als eine populäre Errungenschaft dar, getragen von derselben spontanen Begeisterung der breiten Massen, die den übrigen freiheitlichen Erfolgen in so reichem Maße zuteil wurde, sondern als eine in Hinblick auf die Geschlossenheit eines Programmes unvermeidliche, dem Volke aber unverständliche Maßregel: unbewußt und unbeabsichtigt wurde sie der Allgemeinheit aufgedrängt, und ist tatsächlich — vom Standpunkt der großen Mehrheit der Umgebung der Juden aus betrachtet — gleich anfänglich ein Oktroy/' IL Die große Wichtigkeit dieser Erkenntnis liegt klar zutage: bedeutet sie doch nichts weniger als die völlige Umkehrung der landläufigen Ansicht über die Ursache der jüdischen Emanzipation, also des bedeutendsten Ereignisses der neueren jüdischen Geschichte. Die Gleichberechtigung der Juden kam ohne Willen der breiten Massen zustande, wenn auch formell als ein Postulat des freiheitlichen Programms. Es war demnach keineswegs berechtigt, ihre Verteidigung in allen Stücken unbedingt zu einer; sittlichen Pflicht des menschlichen Fortschritts zu stempeln, insbesondere aber diese Anschauung auch auf die Unterstützung der Assimilationsidee auszudehnen. Auf dieser oberflächlichen Annahme ungeprüfter Schlagworte ohne Berücksichtigung ihrer Genesis und ihres mehr oder minder realen Hintergrundes beruht eben zum großen Teile der tragische Grundirrtum der Assimilation, die von allem Anfang an der unüberbrückbare Gegensatz zwischen den politischen und psychologischen Tatsachen und notgedrungenen Fiktionen charakterisiert. Die Oktroyierung der jüdischen Emanzipation seitens einer an Zahl schwachen Intelligenz erklärt zwanglos die wenige Jahrzehnte später zu beobachtende heftige Ablehnung der eben erteilten Zugeständnisse, für die man bisher nur ganz unbefriedigende, unbestimmte, primitive Motivierungen gefunden hat: diejuden sollten durch ihre, in sehr kurzer Zeit erzielten, überraschenden Erfolge auf manchen Gebieten des kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens, häufig auch durch ihre fremdartige oder moralisch nicht einwandfreie Eigenart die Erbitterung der Umgebung in einem solchen Maße und Tempo wachgerufen haben,

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