Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Oktroy der jüdischen Emanzipation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 74 (sequence 3)
- Language
- German
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74 Oskar Karbach: die gewichtige moralische Unterstützung dieses gekünstelten und mit Hilfe von Fiktionen konstruierten Gedankens sind ausschließlich ihr Werk. Nur sie vermochte vom Tatsächlichen so weit abzusehen, daß sie, den Schlagworten der Zeit folgend, einer Gemeinschaft, an deren eigentümlichem und fremdartigem Charakter im gesamten Ablaufe der menschlichen Geschichte niemals Zweifel sich erhoben hatten, deren Sonderstellung in beiden Lagern durch Religion, Rechtsordnung und Gewohnheit bestätigt und unterstrichen wurde, mit einem Male alle Kriterien der Eigenart absprach und ihr Bestreben, als rein religiöse Gruppe gewer tet zu werden, zu einem Dogma erheben ließ. Es bedarf keines Beweises, daß die breiten Massen, die bei der überstürzten Entwicklung der Dinge diese jähe Wandlung gleichsam vor ihren Augen sich vollziehen sahen, dem gekünstelten Assimilationsbegriff, die ihnen zugemutete unfaßliche Leugnung der jüdischen Besonderheit, die für ihre unbefangene Betrachtung eine selbstverständliche Erscheinung bedeutetem, nicht mitmachen wollten, noch auch ihrer ganzen geistigen Veranlagung und Einstellung nach mitmachen konnten. Nur die oberflächliche, in ihren Folgen unheilvolle Identifizierung der Ablehnung der jüdischen Assimilation mit dem Antisemitismus schlechthin ließ die Tatsache der rein nationalen Wertung des Judentums seitens des Volkes verkennen und setzte die naturgemäße Ablehnung, das bloße Nichtverstehen der Assimilationstheorie stets gleich mit Gehässigkeit und Judenfeindschaft. Immer hat der Bauernknecht, die Dienstmagd, der einfache Soldat den Juden als nicht Gleichartigen gefühlt und dieser Ansicht Ausdruck gegeben. Wurde dies auch anfänglich als Vorurteil einer unwissenden Menge charakterisiert, so übten diese Ansichten der überwiegenden Majorität des Volkes doch ständig ihre negierende Wirkung auf den Assimilationsprozeß aus, um schließlich mit dem faktischen Eintritt der breiten Massen in die Politik auch die Scheinherrschaft dieser Idee zu gefährden oder zu beendigen. So stand die große Mehrheit dem Streben der Juden nach Gleichberechtigung auf der Grundlage der Assimilationsideen kühl, dem nach Verschmelzung mit der Umwelt aiblehnend und feindselig gegenüber; wohl barg die Forderung nach der Gleichheit aller vor dem Gesetze zu viel des Segens für jeden einzelnen, als daß er durch eine juristisch ohnehin nur äußerst schwierig fixierbare Ausschließung der Juden unter Umständen Handhaben gegen seine eigene Rechtsstellung geschaffen hätte; die Gleichberechtigung der Juden wurde so zur notwendigen Folgerung aus einem Programme, das aus ideellen wie praktischen Gründen nur en bloc vertreten und verbreitet werden konnte; so blieb sie zwar groß, doch unpopulär, erschien sie den meisten wohl eher als unvermeidliche Begleiterscheinung, denn als besonders anzustrebendes Ziel der Allgemeinheitdie Assimilationsidee aber lag völlig außerhalb ihres Verständnisses und der Möglichkeit ihrer spontanen Zustimmung und Förderung.