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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 73

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Das Oktroy der jüdischen Emanzipation
Date
1921-01-01
Page
73 (sequence 2)
Language
German
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Das Oktroy der jüdischen Emanzipation 73 die Umgebung der Juden veranlaßten, ihnen in den meisten Ländern zumindest auf dem Papier die volle Gleichberechtigung zuzugestehen, und was eine kurze Zeitspanne später dieselbe Umgebung bewog, diese anscheinend spontan, ohne Beeinflussung äußerer Faktoren erteilten Zugeständnisse auf das heftigste zu bekämpfen, ja diese Gegnerschaft vielfach in den Mittelpunkt des politischen Getriebes zu stellen. Es ist klar, daß wir hier an das Wesen der modernen Judenfrage überhaupt rühren, daß die offizielle Darstellung dieser bedeutsamen Erscheinung, die weit hergeholte Erklärungen für das vergebliche Stocken des menschlichen Fortschrittes'zu finden sich bemüht und das Anwachsen des Widerstandes gegen das jüdische Element gleichsetzt mit der Unterbrechung einer geistigen Entwicklung, schon deshalb nicht zutreffend sein kann, weil manche und gerade die markantesten Erscheinungen dieses Phänomens dadurch überhaupt nicht berücksichtigt erscheinen. Es ist das tragische Geschick der auf falschen Voraussetzungen aufgebauten Assimilation, in deren Zeichen die jüdische Geschichte der letzten bedeutsamen Jahrzehnte steht, daß sie sich bei dem Ausbau ihres Systems, und bei seiner Begründung und Rechtfertigung, immer tiefer in Irrtümer verstricken muß und unter Ignorierung oder Leugnung historischer Tatsachen ihre Beweismittel in subjektiver und einseitiger Weise auf psychologischem Gebiet zu erjagen, somit die Kluft zwischen der eigenen Anschauung und der Meinung der Fernstehenden stets zu erweitern gezwungen ist. Eine unbefangene Betrachtung ergibt »ein wesentlich anderes, klares und verständliches Resultat: die ganze Epoche der Aufklärungszeit bis zum Jahre 1848 und darüber hinaus das Zeitalter der Neugestaltung Europas erhielt sein Gepräge durch die Intelligenz der Kulturvölker; es ist das Bürgertum in seinen gesellschaftlich und sozial höchststehenden Vertretern, das ausschließlich maßgebend auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete als Gegenspieler der jüdischen Gruppe auftritt; die breiten Massen des Volkes beginnen erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zögernd den ihnen bereits früher rechtlich zugefallenen Anteil an der Gestaltung der Verhältnisse faktisch in Anspruch zu nehmen; sie veranlassen vorerst die führenden Kreise auf ihre spezifischen Anschauungen durch Modifizierung ihrer Programme Rücksicht zu nehmen, verschaffen sich aber schließlich selbst in rasch steigendem Maße Gehör und Einfluß. Diese liberal gesinnte Intelligenz ist in der Judenfrage nicht nur aus humanitär-gesellschaftlichen Gründen emanzipationsfreundlich, da die Juden in Bildung und politischer Einstellung ihr nahestehen oder doch nahegebracht werden können, und durch ihre Grundsätze zur Aufnahme dieser Gruppe prädestiniert, sondern auch überzeugt, im Sinne des politischen und wirtschaftlichen Programmes des Liberalismus durch Freimachung der in der jüdischen Gruppe latenten sozialen Kräfte der Allgemeinheit einen wesentlichen Dienst zu erweisen. Die praktische Durchsetzung der Gleichberechtigung der Juden, wie die Vertretung der den Nährboden der Assimilationsidee bildenden Ansichten und besonders

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