Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Lebensprobe
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lebensprobe 7* ratlos entrüstet gegenübergestanden war, uns von innen her verständlich wurde; es wuchs uns gewissermaßen ein geistiger Boden unter den Füßen; indem wir uns vom Deutschtum schieden, wurde es uns deutlicher. Doch war diese Brücke des Verständnisses höchst trügerisch. Obwohl unserem Volke fast alle bei anderen Nationen gegebenen Merkmale fehlten, war uns im höchsten Maße das instinktive Gefühl der Zusammengehörigkeit, der typisch-einheitlichen, geistig-leiblichen Eigenart zuteil geworden, wir waren innerlich gar nicht umzubringen. Selbst so fest geschmiedete Nationen wie die angelsächsische oder französische erschienen, an uns gemessen, jung und innerlich bildsam, zur Selbstbehauptung bedürftig der äußeren Sitte und Lebensform. Immerhin bildete diese vom Geist des letzten Jahrtausends erfüllte nationale Lebensform der Westnationen ein lockend festes Gefäß für jüdischen Gehalt, jüdische Lebenskraft. Deutschland aber war geteilt, zwiespältig von jeher: erst in einen römischen und einen barbarischen Raum zerrissen (was heute noch an der Mainlinie zu spüren ist), dann in ein altdeutsches und ein ostelbisches Kolonialgebiet, das später deutsch wurde, als die römischen Juden am Rhein. Dann wirkte die exzentrische politische Geschichte, die das Land zerstückt, ohne Hauptstadt, fast ohne Küstenländer, in die Neuzeit treten ließ, noch dazu durch die Reformation zerfetzt und zersetzt; dann kam der österreichisch-preußische Gegensatz, durch die süd- und mitteldeutsche Rheinbundepisode unterbrochen, die Demokratie in Schwaben und Franken, das schwarze Bayern und das blaurote Preußen — das neue Berlin und das neue München und das alte Dresden, Leipzig, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, Wien — und wo noch sonst deutsches Wesen innere Form zu erringen versucht hatte. Es war der ärgste methodische Irrtum der nationalistischen Theorie, der auch wir eine Weile gefolgt sind, daß sie volkliche Eigenart vor allem aus letzten, der Analyse unzugänglichen Wesensgründen ableiten wollte, ehe die Erwägung und Prüfung aller greifbaren wesensbildenden Umstände erschöpft oder nur recht begonnen war. Ich habe oben nur die äußeren, fast nur außenpolitischen Hemmungen auf dem Wege zur deutschen Wesensform gestreift; im sozialen Leben, ja in der Sprache und Literatur, zeigt sich die gleiche Unfertigkeit, die viel krasser erscheint, weil sie bei einem Volke begegnet, das in manchen Teilen alt ist. Nun ist aber jene Schwäche und disziplinlose Zerfahrenheit (in hohen geistigen Dingen) kein unveränderlicher Zustand des Deutschen. Noch 1870 verraten deutliche Zeugnisse, daß ein französischer Sieg etwa Sachsen leicht in Abfall gelockt, sicher auch das deutsche Österreich gegen Kleindeutschland bewaffnet hätte. Erst diese schwere Zeit zeigt den Fortschritt im Sinne innerer Festigkeit. Man darf die für das Werden nationaler Strukturmerkmale nötige Dauer im Jahrhundert der Schule und der Zeitung nicht überschätzen; wir stehen im Beginn völlig neuer sozialer und nationaler Festigkeitsverhältnisse in Deutschland; bei. allem politischen Elend hatte es bisher nie fremde Okkupation in dem Sinne erfahren, daß der Eindringling dem ganzen Volke verhaßt und fremd gewesen'wäre; weder der Schwede,