Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Lebensprobe
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Paul Amann: wegen sind dort kaum Juden zu sehen, und weil keine dort §ind, verstärkt sich natürlich wieder die antisemitische Tendenz dieser Parteien. Es bleibt aber die psychologische Frage offen, ob es aus inneren Beweggründen politisch konservative Juden geben könnte. Mir ist die Existenz solcher Naturtypen wahrscheinlich; dann haben wir da eine erste Gruppe von Juden, die durch sekundäre Umstände in falsche Lager gedrängt wird. Bei der Frage nach der republikanischen Gesinnung der deutschen Juden wirft man das gleiche Problem für eine breitere Masse auf. An sich könnte so mancher Jude durch die imponierende Verwaltungsleistung des kaiserlichen Deutschland so bestochen sein, daß er rein akademisch dessen Staatsform jeder demokratischen vorzöge; aber tatsächlich war dieses kaiserliche Deutschland als Verwaltungskörper dem Juden starr verschlossen, war ihm auch sonst nicht eben günstig, bot seiner Tatkraft auf politischem Felde fast nur in wildester Opposition ein Feld; es wäre also eine strenge Selbstprüfung jedes jüdischen Radikalen und Republikaners nötig, wie weit seine Ansichten sachlich, wie weit sie persönlich begründet sindV/ Wie immer für den Einzelnen das Mischungsverhältnis sich darstellen, mag, im ganzen müssen wir uns klar machen, daß ein begreifliches, aber darum doch logisch störendes Ressentiment auf Schritt und Tritt unser politisches Schauen beeinflussen dürfte. Die Sache wird dadurch kompliziert, daß die Eingebungen dieses Ressentiments in vielen Fällen sachlich ersprießlich wären (sie zielen ja auf Liquidierung eines überlebten Herrschaftsverhältnisses), nur daß jüdische Politiker, die sie vertreten, indem sie nur sachlichen Beweggründen zu gehorchen meinen, die psychischen Widerstände weit unterschätzen, die bei der nicht jüdischen Masse wirksam sind. Eisner, Landauer und schließlich selbst der gemäßigte Rathenau haben diese Verkennung in ihrem Blute gebüßt. Ist dem Juden so, auch wenn er sonst dazu befähigt wäre, die tätige Teilnahme an der Politik Deutschlands durch Fehlerquellen seines Urteils erschwert, so erschwert man ihm auch das Mitleiden mit der Heimat, indem jede neue Bedrängnis sofort sich in wüster Judenhetze entlädt. Gewiß wird der Hochstehende auch dann noch mitzufühlen versuchen, schon da er auch in seinem geistigen und greifbaren Besitze durch den Druck und Drang der westlichen Sieger mitgetroffen ist. Aber eine Dynamik des politischen Juden muß mit der Tatsache rechnen, daß sein spontanes patriotisches Empfinden von Deutschlands Not über Hemmungen weg muß. Diese Hemmungen wittert der Judenfeind noch früher, als man sie sich selber zugibt, und sie bieten seinem Hasse neue Nahrung. Es ist in diesen Heften wiederholt eine Anatomie oder Biologie des Antisemitismus versucht worden; er ist eine solche Grundtatsache unseres sozialen Erlebens, daß er unseren Geist immer wieder beschäftigen muß. Ich möchte hier nur eine Teilursache dieses Phänomens klarstellen, d.h. ihn auch als Funktion der politisch-sozialen Entwicklungsgeschichte Deutschlands auffassen. Als wir seinerzeit den nationalen Gedanken übernahmen und auch auf unser Volksproblem anwendeten, hatte das den Vorteil, daß eine beherrschende Strömung des Jahrhunderts, der das Assimilantentufli