Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Lebensprobe
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lebensprobe 69 vernachlässigte, bis solche Spannungsdifferenzen zum Chaos führten, so versank auch uns über unserer jüdischen Jenseitshoffnung die nichtjüdische Umwelt in ein gleichmäßiges Grau; es war in unserer Ideologie z. B. nicht die geringste Handhabe geboten, uns in der sehr besonderen politischen Unform des wilhelminischen Deutschland zurechtzufinden, trotzdem in deren Einwirkung gewiß die Ursache mancher Mißverständnisse lag, die eine Zusammenarbeit des deutschen bewußten Judentums etwa mit englischem oder russischem erschwerten. Überhaupt die Einwirkung der geographischen Heimat und ihrer Lebensformen! Was wurde da bei uns übersehen, vertuscht, verdrängt! Wenn der Assimilant sich gegen den tiefsten Kern seines Wesens möglichst abzublenden suchte, so unternahm man bei uns eine Verleugnung oder absichtliche Vernachlässigung aller sichtbaren, greifbaren Bedingtheiten unseres Alltagslebens. Und doch war es keine Lüge, vielmehr tiefe, fruchtbare Wahrheit, daß so manchem die Wälder des Taunus oder Thüringens oder irgend eine norddeutsche Landschaft als erste, tiefste Prägung der Seele Heimat und ein Stück seines Lebens geworden waren, daß einem auch Goethes Klang und Wort näher, inniger vertraut war, als sonst ein Stück Weltliteratur. Wenn früher der tiefe Grund unseres Lebens nicht gelten sollte, so war jetzt, beim konsequenten Nationaljuden, ein sehr breites, anschaulich nahes Stück Leben aus dem Brennpunkt der Selbsterziehung gerückt, blieb eigentlich kulturlos, falls nicht, wie gewöhnlich, ein Zwiespalt zwischen jüdischem und europäischdeutschem Dasein sich einstellte. Es war das Schlagwort ausgegeben, das Bekenntnis zum Nationaljudentum sei mit der Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten durchaus vereinbar. Dazu gehört nun zweifellos auch das politische Interesse, der Versuch, sich gegenüber allen politischen Tagesfragen zu haltbaren Ansichten durchzuringen und diesen Ansichten Geltung zu verschaffen. Die Schattierungen, die hier das Nationaljudentum vom anderen trennen, sind kaum entschiedener als die, welche innerhalb jeder Gruppe, je nach Parteizugehörigkeit, auftreten. Bei Beendigung des Weltkrieges ergab sich die innerpolitisch nicht angenehme Sachlage, daß der englische Sieg unseren palästinensischen Interessen günstiger schien als es ein deutsch-türkischer gewesen wäre; doch schwächte sich dies bald dadurch ab, daß auch hier, ganz wie in der deutschen Außenpolitik, sich Frankreich als gefährlichster Gegner entpuppte. Abgesehen von dieser kleinen außenpolitischen Einstellung, die kaum auf die Stellung zu den heimischen Fragen eingewirkt hat, waren und sind die Juden im allgemeinen an instinktive Antriebe gewiesen, die sie nicht genug kontrollieren. Da für uns aber unser Judentum eine sehr reale Sozialtatsache bedeutet, so können wir leichter die Hemmungen überwinden, die sich einer scharfen Kritik unserer politischen Instinkte und automatischen Verhaltungsweisen entgegenstellen. Ist der Jude (ich meine nicht den Renegaten jüdischer Abstammung) über die ganze Breite des politischen Kampffeldes hin zu finden? Offenbar nicht. Dabei müssen wir aber die Tatsache festhalten, daß unsere konservativreaktionären Parteien mehr oder weniger antisemitisch sind. Schon des-