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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Die Lebensprobe
Date
1921-01-01
Page
68 (sequence 4)
Language
German
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68 Paul Amann: skeptisch zu machen, so ist es noch bedenklicher, daß wir, was nahes reales Leben und Wirken anlangt, aus dem nationaljüdischen Ideenkreise nur wieder Hemmendes in die junge tatdurstige Seele streuen können; ästhetisch ist ein Vorteil, daß unsere jungen Mütter ihren Erstling nicht mehr Siegfried und Siegmund nennen wollen, biologisch war die für Deutschtum begeisterte Naivität unserer Väter eher eine Stärke. Die innere Unwahrhaftigkeit gewisser natiojialjüdischer Gebärden erhellt heute gerade im Verhalten zum Antisemitismus, worin sich doch einst die stolze Wahrhaftigkeit der neuen Bewegung zuerst ausgelebt hatte. Während die assimilatorische Abwehr eingestandenermaßen eine Folge der antisemitischen Angriffe war, stellte sich das erwachte Judentum auf den theoretisch höheren Standpunkt einer Selbstbesinnung aus eigener Kraft, aus eigenem Stolze. Es ist jetzt nur die Frage, wie weit die nahe Wirklichkeit es erlaubte, im Sinne dieses Ideals zu verfahren. Historisch ist diese Konstruktion sicher falsch, indem ja Theodor Herzl bekanntlich durch antisemitische Exzesse ,,erweckt" wurde. Sie ist aber auch für das Einzelleben selten ganz richtig, indem fast ein jeder von uns in früher Kindheit der unbegreiflichen Judenfeindschäft fassungslos gegenüber gestanden hat (und alles, was wir heute unseren Kindern als seelischen Panzer umhängen können, ist etwas schwer für Kinderkörper). Als Erwachsener hat er dann freilich das stolze „Ich bin Jude, auch wenn mirs niemand vorwirft" zum Leitspruch gewählt, aber jene frühen Eindrücke, zu denen immer wieder gleichartige hinzukommen (vor allem der Eindruck nahen und fernen Judenleides der anderen), sie sind nur verdrängt, sublimiert, aber nicht aufgehoben. So ist im Glanz unseres Schildes ein feiner Sprung. Er kann sich plötzlich zur klaffenden Bresche auseinandertun, wenn durch rohe Bedrängnis unserer selbst, unserer Nächsten oder eines unbekannten Bruders elementare Erhaltungstriebe wachgerufen werden. Wir sahen den Antisemitismus als Fernsicht — wir müssen uns etwas unvermittelt wieder an sein nahes Bild gewöhnen (es darf als günstiger Faktor im Werden der nationaljüdischen Ideologie nicht die allgemeine politische Konstellation übersehen werden, daß im Gefolge der verlorenen Dreyfusschlacht der Antisemitismus sanfter wurde).. Dieses Fernrücken von allen sozialen Zügen, die uns jeweilig doch körperlich so nahe sind, erscheint mir heute als die eigentliche praktische Schwäche der nationaljüdischen Erziehung und Bildung. Da wir nun aber dpch uns dem umringenden Leben in unserer Mehrzahl nicht entziehen konnten, so ergab es sich, daß unsere Überzeugung nur für einen kleinen Ausschnitt unseres sozialen und politischen Verhaltens wirklich bestimmend wurde, daß wir aber im übrigen uns, nur ohne rechten Nachdruck (also schlechter) ganz ähnlich benahmen wie der Assimilant (etwa bei politischen Wahlen, in Fragen der Staatsform, der Kriegsprobleme usw.). Wie die Sozialdemokratie ihre Aufmerksamkeit vor dem Weltkriege hypnotisch auf die Klassengegensätze festgelegt hatte und darüber die seht verschiedene politisch-psychologische Struktur der europäischen Staaten

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