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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 67

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Die Lebensprobe
Date
1921-01-01
Page
67 (sequence 3)
Language
German
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Die Lebensprobe 67 ihn zu unbefangener Mitarbeit am allgemeinen Werke ermutigte, ihm Zeitungen und, allerdings absterbende, politische Parteien und, im Sozialismus, sogar eine aufstrebende Weltorganisation darbot, die seinem Idealismus Raum gab, wohl auch allzumenschlichem Geltungstrieb Betätigungsfelder eröffnete. Demgegenüber muß man feststellen, daß trotz aller Ansätze zu „Gegenwartsprogrammen" das Nationaljudentum in den Fragen, die sich aus dem gesellschaftlichen Verhalten zur Umwelt ergaben, in Fragen der Kunst und Wissenschaft, soweit Westjuden als Schaffende oder Aufnehmende in Betracht kommen, schließlich in Dingen der Innen- und Außenpolitik, keine wirklich praktischen Richtlinien zu ziehen vermochte, daß es da überall doch nur Hemmungskeime ausstreute, ohne die gestauten, gestockten Kräfte ganz auf seine Mühlen leiten zu können. Es war das eine notwendige Folge seines, „jenseitigen" Palästinastrebens; es mußte eigentlich, wie das frühe Christentum, das sein messianisches Reich nahe glaubte, für seine Anhänger in der Diaspora unbewußt freiwillige Ghetti wünschen, in denen sie, möglichst unberührt von der gegenwärtigen Umwelt, sich zur Einordnung in die eigentliche Heimat bereiten könnten. Ich sage nicht, daß dies jemand wirklich gewünscht oder gar gefordert hat — aber es war die naheliegende Folgerung aus dem „Jenseitsstreben" der zionistischen Bewegung, und wer sie sich nicht zur praktischen Forderung erhob, brachte einen Bruch in sein Leben, der zwar anders verlief, als der im Dasein des assimilatorisch verlogenen Juden, aber kaum weniger tief war. Die Unaufrichtigkeit begann schon diesen „Israeliten" gegenüber. Nachdem man so lange durch sein Dasein eine lebendige Widerlegung ihrer Theorie vom erstorbenen jüdischen Nationalgefühl gewesen war, wurden auf die Dauer, weil sie eben dauerten, diese national erstorbenen, sonst aber recht lebenskräftigen Juden theoretisch unbequem — eine anschauliche Einschränkung unserer tiefsten Überzeugungen. So lange hatte man über ihre leere Eitelkeit gespottet, die europäischen Ruhm, europäische Bedeutung gewisser Israeliten glückselig in braven Wochenschriften verzeichnete; nun war aber nicht zu leugnen, daß unser Programm eigentlich ein Nachlassen oder gar Aufhören namentlich solcher Leistungen in sich geschlossen hätte, die nicht ohne innigste Zusammenarbeit mit der nationalen Kultur eines „Wirtsvolkes" zu denken waren. Physiker, wie Einstein, Naturwissenschaftler, wie Ehrlich, waren noch weniger unbequem als etwa die Tatsache, daß die glänzende Geschichtsforschung des liquidierten Osterreich größtenteils von Juden getragen wird. Man mag sich damit trösten, daß es sich um Leistungen der „irregeleiteten" älteren Generation handelt; aber gerade unserem besten Nachwuchs gegenüber kommen wir leicht in eine schiefe Lage, wenn wir dessen erwachende Arbeits- und Schöpfertriebe lenken sollen. Wir haben es nicht vermocht, ihm die jüdische Unter- und Oberschule oder gar Hochschule zu geben; infolgedessen besteht ein Widerspruch zwischen dem Geiste der offiziellen Schule, der wir unser Kind anvertrauen, und unserem Empfinden, unserer Überzeugung. Ist es schon an sich ein Nachteil, einen Werdenden gegenüber seinen Lehrern 5*

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