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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Die Lebensprobe
Date
1921-01-01
Page
66 (sequence 2)
Language
German
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66 Paul Amann: gegen den Antisemitismus nicht als Judenschaft führen wollte, sondern sich durch Anwerbung von „Paradechristen" selber vor Augen führte, daß man als Verfechter der freiheitlich-demokratischen Ideale von 1789 gegen die ,,Reaktion" ankämpfe, fand die Jugend um 1900 beglückt ihren seelischen Schwerpunkt in sich selber. Der Judenverachtung, dem Judenhaß trat ein schöner, aufrechter Judenstolz gegenüber; ja es ergab sich das Seltsame, daß in dem Maße, wie die körperliche und sittliche Widerstandskraft des verjüngten Judentums wuchs, die innere Nötigung abnahm, im Kampfe gegen den Antisemitismus über eine würdige Defensive hinauszugehen. Das schwächliche Assimilations-Israelitentum fühlte sich durch die bloße Existenz judenfeindlicher Richtungen — besonders als diese durchaus „völkisch" werden wollten — ganz in Frage gestellt, geistig vernichtet, auch wenn man es physisch in* Ruhe ließ; so mußte es, trotz seiner geringen Kampf tüchtigkeit, notwendig immer wieder ein geradezu offensives Vorgehen gegenüber dem Antisemitismus versuchen. Es war diesen Leuten der böseste Dorn im Fleische, daß das Nationaljudentum, bei tapferer Abwehr jeder Anpöbelung, sich dem ruhigen Rassenantisemitismus gegenüber viel gleichgültiger verhielt. Von dieser richtigen Beobachtung war es nur ein Schritt bis zur falschen Anklage, dem Jungjudentum sei jener theoretische Rassenstandpunkt ganz sympathisch und seine Anhänger im Grunde erwünschte Bundesgenossen. So viel war richtig, daß gegenüber dem Rassenantisernitismus die Entdeckung und Pflege des jüdischen Nationalgefühls eine Art Rückverlegung der Front bedeutete; in gewissen Grunderlebnissen innerer Art bestand wirklich mehr Verwandtschaft als gegenüber den „Israeliten" — die Offensiven der neuen Richtung spielten sich mehr gegenüber den Volksgenossen ab, die nur „Glaubensgenossen" sein wollten. Diese ältere Einstellung, deren konkreter jüdischer Lebensgehalt wegen ihrer zeitlichen Nähe ans Ghetto oft größer war, als bei der national jüdischen Jugend (den Söhnen und Enkeln, die schon reformiert erzogen waren) hatte das Wesentliche, alles nicht Formale des jüdischen Erlebens verdrängen wollen; im sozialen, im politischen Dasein, in der künstlerischen und wissenschaftlichen Leistung sollte es ^durchaus nicht als mitbestimmender Faktor anerkannt werden. Es bedurfte mühsamer Wegräumungsarbeiten, tiefgehender Nachgrabungen, um diesen Schutt unbewußter Lüge zu beseitigen; die Jahrgänge dieser und gleichgerichteter Zeitschriften sind voll von Ergebnissen solcher Forschung. Den Triumph, so der Wahrheit (die hämischen Gegnern eine bittere Wahrheit wurde) zu ihrem Rechte zu verhelfen, haben wir bis 1914 reichlich ausgekostet; nun wendet sich das Blatt insofern, als es uns aufdämmert, daß wir auch breite Erfahrungsmassen in uns verdrängt haben, um jener verdrängten jüdischen Eigenart recht ans Licht zu helfen. Der Standpunkt der Assimilation bleibt erledigt, aber es enthüllt sich in deren Taktik ein grundsätzlicher Vorzug gegenüber dem Nationaljudentum: sein Gegner und Vorgänger versuchte immerhin eine positive Anleitung für das gesellschaftliche und politische Verhalten des einzelnen Juden zu geben, indem er

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