Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Lebensprobe
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 65 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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PAUL AMANN / DIE LEBENSPROBE Zur Kritik der politischen Einsicht des nationalbewußten Judentums in Deutschland Die Lebensprobe politischer Einsicht ist, daß sie zu politischer Voraussicht befähige. Diese Voraussicht muß sich nur auf eine ziemlich nahe Zukunft erstrecken, sie muß und kann auch nicht in einem seherisch deutlichem Erkennen bevorstehender Ereignisse bestehen, wohl aber soll sie auf die wesentlichen Erfahrungszüge des politischen Zeitbildes günstig einstellen, vor allem darf sie nicht dagegen geradezu abblenden; sie wird ein abzuwerfendes Lebenshemmnis, wenn sie unser Grauen vor dem homo homini lupus noch durch ein Gefühl persönlicher Demütigung vergiftet, durch die Scham, daß die riesigen Sturmwolken am grauen Winterhimmel nicht nach links laufen mögen, wie unser kindliches Zauberrütchen wollte, sondern nur nach rechts, alle nach rechts (wie es in Hollands „Johann Christof" zu lesen ist). Abkehr in Ekel und Entsetzen, in einem hochmütig-ratlosen „Ich verstehe die Welt nicht mehr!*' ist ein Luxus, den sich der ganz einzelne, einsame Jude auf Kosten aller gestatten mag, so lange ihn nicht irgend ein Zahnrad in sich reißt — aber schon dem eigenen Kinde gegenüber ist ein solch negativer Standpunkt nicht aufrecht zu erhalten: man kann nicht das Leben in der Theorie verneinen, nachdem man es praktisch bejaht hat. Dem Leben gegenüber, um des Lebens willen, muß unser Denken immer biegsam sein. Um Jahre nach der Ermordung Rathenaus brauchen wir ein solch bewußtes Umbiegen, Anbiegen unseres politischen Meinens an die Linie des wirklichen Lebens, an den Umriß der Woge, die uns alle hebt und schleudert. Mit praktischem Opportunismus hat diese Überprüfung nicht viel zu tun — wenn man es nicht ein praktisches Interesse des jüdischen Volkes nennen will, daß durch eine richtigere Einschätzung der deutschen politischen Umwelt im künftigen Jahre die Hinopferung, und, wie es scheint, unnütze Hinopferurig sittlich führender Juden mindestens unterbrochen werde. Gewiß wird man Bedenken tragen, den bewußten Juden Rathenau zum Exponenten bewußten Judentums zu machen: man sieht nicht recht, wie er als solcher bis zum letzten Hauche sich am Steuer der deutschen Reparationsgaleere zu verbluten hatte. Aber e/ben daß der Gedankenkreis des national bewußten Judentums gar kein Licht wirft auf Lebenslagen, die einem großen Einzelnen aus den Reihen des Volkes der heroischen Selbstaufopferung würdig schienen, verrät uns gewisse allzu abstrakte Scheidewände, die unsere nationaljüdische Theorie gegenüber dem Drang des Tages kaum wird aufrecht halten können. Die nationale Wiedergeburt des Westjudentums gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war als Selbstbesinnung, Selbstfindung warmes Erleben einer nahen inneren Wirklichkeit, die durch das „liberal" gerichtete Judentum ziemlich verhüllt worden war. Während diese frühere Generation den Kampf ~ » Heft 2. 5