Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Aufgaben der zweiten Konferenz der palästinensischen Arbeiterschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 62 (sequence 5)
- Language
- German
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62 Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina sierung der Arbeit durch deren Entfernung von den professionellen Organisationen befürchtet. IV. Die Stellung innerhalb der zionistischen Organisation. Die Probleme der Konferenz sind damit nicht erschöpft. Sicherlich werden die Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Siedlung zur Erörterung gelangen, die seit zwei Jahren zur — leider fast nur theoretischen — Diskussion stehen: Kleine Kwuzah? Große Kwuzah (nach dem Beispiel von Ejn Charod- Nuris)? Arbeitersiedlungen mit Einzelwirtschaft (Moschaw owdim)? Intensive oder extensive Kolonisation? Von Seiten des Misrad wird ein Antrag auf Gründung von Arbeitersiedlungen für städtische Arbeiter vorliegen. Die Arbeiterinnen werden mit besonderen Forderungen kommen. Wahrscheinlich wird der Versuch gemacht werden, eine Abstimmung über das Klassenkampfprinzip herbeizuführen. Von Seiten der Achduth haawoda Hegt ferner ein Antrag vor, daß die Histadruth in die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale eintrete. Von besonderer Bedeutung könnte es sein, wenn auf der Weida einmal eine gründliche Diskussion über die Stellung der palästinensischen Arbeiterschaft innerhalb der zionistischen Organisation stattfände. Der palästinensische Arbeiter kümmert sich wenig um die Politik der zionistischen Gesamtorganisation und hat auch auf sie nicht jenen Einfluß, den er nach seiner wahren Stellung innerhalb des zionistischen Werkes beanspruchen könnte. Diesmal kommt auch wiederum Ben Gurion mit radikalen Ansichten: Er glaubt, daß die zionistische Organisation nur mehr als politisches Instrument des jüdischen Volkes von großer Bedeutung sei. Dagegen sei sie nicht mehr geeignet, das Siedlungswerk zu führen. Das Volk habe zu ihr das Vertrauen verloren, seit sie es zugab, daß Tausende jüdischer Legionäre nach Amerika zurückgingen und nicht in Palästina kolonisiert wurden. Die Arbeiterorganisation aber sei berufen ihr Erbe anzutreten. Der jüdische Arbeiter in Palästina müsse erkennen, daß er für die Verwirklichung des Zionismus im ganzen Umfange verantwortlich sei. Die jüdischen Arbeiter brauchen, meint Ben Gurion, zwischen sich und dem Volke nicht die Vermittlung der zionistischen Organisation. Die nationalen Mittel müssen vom jüdischen Arbeiter selbst unmittelbar mobilisiert werden. Dem Manne, der direkt von der Arbeit zu ihm kommt, werde das Volk glauben. Der jüdische Arbeiter muß die zionistische Aufrüttlung und Erziehung-des Volkes in die Hand nehmen. Ob solche Rede richtig ist oder nicht, sei hier nicht erörtert. Die Konferenz dürfte sich schwerlich ganz auf den Standpunkt Ben Gurions stellen. Aber es ist symptomatisch genug, daß einer der Führer der Histadruth auch nur so sprechen kann. Das Selbstbewußt* sein des jüdischen Arbeiters ist gestiegen. Er kann auf eine Reihe wichtiger Schöpfungen der letzten Jahre hinweisen: die Histadruth selbst, den Misrad mit seinem Umsatz von einer halben Million Pfund, den Maschbir, die '• Arbeiterbank, die eben für 30 000 Pfund Aktien verkauft hat und das Aktienkapital erhöht usw. Die Bedeutung all dieser Institute wächst ständig in dem Maße, als das Schwergewicht der Unterbringung und Beschäftigung der einwandernden Arbeiter in die Hand der Arbeiterschaft selbst gelegt wird. Aber diese Einwanderung wäre unmöglich ohne die Finanzierung durch die zionistische Organisation und ohne deren politische Vermittlung. Auf sie wird auch weiterhin die Histadruth nicht verzichten können und dürfen. Man glaube auch anderseits nicht, daß Ben Gurions Vorschlag irgendwelchen schablonenhaft antibürgerlichen Erwägungen im Stile Europas entspringt. Es geht ihm immer nur um das eine: Verstärkung der Einwanderung. „Aus dieser einzigen Sorge heraus müssen wir wirken. Nicht der Aufbau dieser oder jener Gesellschaftsform aus abstrakten Gründen der Gerechtigkeit ist unsere Sache, sondern die wirklichkeitsgemäße Lösung der zionistischen Frage. Diese Lösung gibt nur der Zionismus der Arbeit. Jeder andere Zionismus ist ein antizionistischer Zionismus. In diesem Sinne sind wir nicht Sozialisten und nicht Kommunisten, sondern Zionisten." Dieses Wort Ben Gurions, eines in seinen sozialistischen Anschauungen ziemlich weit links stehenden Parteiführers (das sicherlich gegen ihn ausgebeutet werden wird), charakterisiert die Stimmung des jüdischen Arbeiters in Erez Israel. Sie wird auch den Geist der Weida bestimmen. Im Zentrum der Gedanken des Arbeiters ist, daß er Vortrupp, Chaluz der Einwanderung ist. Und eine Einwanderung ist unmöglich ohne starke Arbeiterorganisation. Man vergesse nicht, daß im Rücken des jüdischen Arbeiters immer die Konkurrenz billiger un-