Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Aufgaben der zweiten Konferenz der palästinensischen Arbeiterschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 60 (sequence 3)
- Language
- German
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6o Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina Kolonisation und der Schaffung produktiver Arbeitsgelegenheit zu stellen. Die Frage: Autarkie oder nicht? läßt sich natürlich nicht theoretisch und nur aus Prinzipien heraus lösen, sondern muß vor allem entsprechend den ökonomischen Tatsachen beantwortet werden, aber der Wille zur Durchsetzung gewisser Prinzipien im Rahmen des Möglichen muß vorhanden sein, und das kann er nicht, solange man nur von dem Gesichtspunkte der kaufmännischen Rentabilität ausgeht. Und wenn man von fachmännischer Seite hört, daß der Jischub im Jahre eine halbe Million Pfund für Eier ausgibt oder daß in Telawiw allein jährlich für 20 000 Pfund Hühner geschlachtet werden und daß diese großen Summen fast ganz den arabischen Fellachen zugute kommen, so wird man zugeben, daß eine nationale Konsumgenossenschaft verpflichtet werden muß, in der Richtung der Autarkie die größten Anstrengungen zu machen, (Nicht zu sprechen von den politischen Gründen.) Hierzu aber muß die Aufmunterung von einer Stelle kommen, die mehr den Gesichtspunkt der Einwanderung als den der Rentabilität eines einzelnen Unternehmens im Auge hat. Freilich: Letzthinsind solche Fragen davon ^bhängig, ob Menschen mit entsprechenden ökonomischen Organisationstalenten da sind. Und an solchen fehlt es in Palästina allerwege. Juristisch-formell dürfte sich der Gedanke Ben Gurions so durchführen lassen, daß sich die Arbeiterorganisation als Kooperative konstituiert, zu der alle Institute der Arbeiterschaft (Arbeit er bank, Leihbank, Konsumgenossenschaft „Maschbir", die Baukooperative, die landwirtschaftlichen Kooperativen usw.) im Verhältnis von Tochtergesellschaften stünden. III. Fachliche Gewerkschaften oder industrielle Organisation. Gewer kschaftund Kooperative. Im Frühjahr tagte in Haifa eine Konferenz der „Kooperative für Öffentliche Arbeiten und Bau" (Misrad), welche beschloß, über den verschiedenen fachlichen Gewerkschaften der Tischler, Schlosser usw. an allen Orten eine umfassende industrielle Gewerkschaft der in Öffentlichen Arbeiten und im Bau beschäftigten Arbeiter zu bilden, ohne Rücksicht auf die Profession und ohne einen Unterschied zwischen Arbeitern zu machen, die bei der Koopeiative (Misrad) arbeiten oder beim privaten Kapital. Und aus den Wahlen dieser umfassenden industriellen Gewerkschaft geht die Leitung der Kooperative hervor, die zugleich Leitung der Gewerkschaft ist. Auch dieser Beschluß entsprang denselben Motiven wie Ben Gurions Antrag auf die Chewrath owdim: auf der einen Seite wird damit ein Überwiegen des piofessionellen, individualistischen Gesichtspunktes bekämpft, auf der anderen die Kooperative zur Sache aller Arbeiter der Bauindustrie gemacht. Oberster Gesichtspunkt ist auch hier die Alijah, die Einwanderung. In sich autonome professionelle Gewerkschaften werden immer ein Hindernis für die Einwanderung bilden. Sie sind von trade-unionistischen Gesichtspunkten beherrscht, sorgen für volle Beschäftigung, hohe Löhne und kurze Arbeits-, zeit ihrer Genossen — die immer von der Alijah bedroht sind. Dazu stellen sie immer Organisationen der Fachmänner gegen die ungelernten Arbeiter dar, Sie haben ein Interesse daran, daß nicht allzuviele „Neue" sich Fachkenntnisse aneignen und sich über das Niveau ungelernter Arbeiter erheben. In der großen industiiellen Organisation dagegen wird die Masse den Ausschlag geben, die weit weniger Tendenzen der Abschließung gegen neue Einwanderer hat. Die große Organisation ist weit eher gefeit gegen eine Psychologie, welche eine Unterbindung der Alijah herbeiführen oder der fachlichen Ausbildung der Eingewanderten Hindernisse in den Weg legen möchte. Der Misrad, der von Anbeginn an für die Zwecke der Einwanderung geschaffen worden ist, hatte immer gegen den (menschlich begreiflichen) Egoismus der Fachmänner anzukämpfen. Diese fanden dabei die Unterstützung der heute noch schwachen radikalen Linken, die sich nur vom Klassenstandpunkt leiten lassen und nicht zugeben wollen, daß Arbeiter auf ökonomische Vorteile zugunsten der Verstärkung der Einwanderung verzichten, an der sie kein Interesse haben. Der Gesichtspunkt der Einwanderung durchbricht eben überall den feinen Klassenstandpunkt. Sollen die Einwanderer auch in Zeiten der Arbeitslosigkeit (Winter) wenigstens teilweise beschäftigt werden, so muß der Misrad mehr Arbeiter einstellen als notwendig sind und Schichtensystem einführen, was der Privatunternehmer natürlich nicht tut. So arbeiten die Arbeiter der Kooperative nur 2—3 Tage in der Woche und fühlen sich vom Misrad oft benachteiligt. Daß auch zwei Arbeitstage oft besser sind als voll-