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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Jabotinsky als Schriftsteller
Date
1921-01-01
Page
56 (sequence 9)
Language
German
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Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller wir haben uns von ihr genügend emanzipiert, um es offen anzuerkennen. Nicht alle Losungsworte der Assimilation, die ein Stück der jüdischen Geistesgeschichte war, sind für uns verwerfliche Ausflüchte. Sie hat die Einstellung des jüdischen Volkes in die Menschheitsbewegung versucht; sie hat die jüdische allweltliche Mission proklamiert, was ebenso ein echt jüdischer Gedanke war wie es eine unverzeihliche Schwäche der jüdischen Bewegung ist, daß sie, von Assimilationsfurcht beeinflußt, dieses Banner aus den Händen der Assimilation, als sie schwankend wurden, nicht aufgenommen und es so zugelassen hat, daß die Fahne sich zur Erde neigte. Wehe dem Volke, das an die eigene Mission nicht glaubt, daß in sich nicht wenigstens einen Teil, seinen Teil, der ewigen Wahrheit fühlt und nicht bereit ist für die Realisierung und Verbreitung dieser Wahrheit zu leiden und zu kämpfen. Was die persönliche Ehrlichkeit und den persönlichen Wert der assimilierten Juden anbetrifft, so hat gerade die Revolutionszeit uns manche von ihnen in solcher Größe offenbart, daß wir uns vor ihnen in Ehrfurcht beugen. Weil wir keine Furcht vor der Assimilation haben, flüchten wir nicht mehr in abergläubischer Angst vor den Göttern, die sie anbetete. Ein hebräisch sprechender Knabe und die geistigen Werte der Menschheit sind für uns unvergleichbare Größen, weil es noch wenig für uns ist, daß der Knabe hebräisch spricht; es ist für uns wesentlich, was er in diesem Hebräisch sagt und denkt, und die geistigen Werte der „Fremden" können davon nicht ausgeschlossen werden, nur deshalb, weil die assimilierten Juden keine anderen Werte anerkennen und die jüdischen ignorieren. Das Volk ist für uns kein Absolutum und der Dienst am jüdischen Volk ist für uns ein Dienst an etwas Höherem, über ihm und über uns Stehendem. Die Wiedergeburt und das Aufblühen des jüdischen Volkes können wir uns außerhalb der weiten menschheitlichen Bewegung unserer Zeit nicht denken und selbst diese jüdische Wiedergeburt ist für uns ein Teil des großen Prozesses der Wiedergeburt der neuen Menschheit; unser Posten bei dem jüdischen Volke ist auch ein Posten bei der neuen Menschheit. Durch nationale Wege gehen wir zu übernationalen Zielen. Deshalb glauben wir auch nicht, das komplizierte Verhältnis des jüdischen Volkes zu den Wirtsvölkern könne, sei es im täglichen Leben durch demonstrative Gleichgültigkeit, sei es im geistigen Leben durch „Rückenkehren*' gelöst werden. Gewiß ist auf diesem Gebiet viel gesündigt worden, und ganz recht hat Jabotinsky, wenn er sagt, daß „die Juden auf der Anklagebank sitzen. Es ist nicht ihre Schuld. Das ist aber wahrlich ihre Schuld, daß sie sich als Angeklagte benehmen." Wenn die Juden aber keinen Grund haben sich als Angeklagte zu benehmen, heißt das noch nicht, daß eine ernste und ehrliche Auseinandersetzung mit den Wirtsvölkern nicht vonnöten wäre, wobei diese Auseinandersetzung kaum zum Ziele führen wird, wenn die Juden von vornherein erklären werden, ihre Volkspersönlichkeit sei souverän und sie hätten vom Antisemitismus und von Pogromen nichts zu lernen. Wir weigern uns zu glauben, daß zwischen den Juden und den Völkern nie und nimmer eine Brücke zu schlagen und daß ein vernünftiges Zusammenleben, ohne gegenseitigen Haß und Verachtung, unmöglich sei. In der Ausbildung der Formen dieses Zusammenlebens kann die im Gesetze verankerte nationale Autonomie (wovon Jabotinsky viel in seinem Buche spricht) eins der Mittel sein, nicht aber wenn sie mit affektierter Gleichgültigkeit gegen den Nachbarn und mit „Rückenkehren" gepaart ist. Das Ziel der nationalen Autonomie soll nicht nur sein, den Juden die Möglichkeit ihrer freien nationalen Entwicklung zu sichern, sondern auch solche Formen des Zusammenlebens auszuarbeiten, bei denen das unbehinderte gemeinsame Leben verschiedener Völker möglich wird. Die Theorie und Praxis der nationalen Autonomie ist für uns nicht ein notwendiges Mittel, zu dem die in keinem geschlossenen Territorium wohnenden Völker greifen müssen, sondern eine neue Form des nationalen und zwischennationalen Lebens, ein Keim der Völkerföderation, die den Nationalstaat zu ersetzen berufen ist. Das setzt voraus nicht das „Rückenkehren", sondern gegenseitiges Studium und gegenseitiges

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