Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jabotinsky als Schriftsteller
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 57 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller 57 Verständnis, die zu gegenseitiger Achtung und gegenseitiger Beeinflussung, zur Ausarbeitung einer neuen Kultur, an der alle Völker teilnehmen, führen müssen. Ohne diese Voraussetzungen ist die nationale Autonomie nichts anderes als die Wiederaufrichtung, unter modernen Formen und Bedingungen, des alten Ghettos, das nicht wiederaufzurichten ist; jeder Versuch in diesem Sinne muß dazu führen, und hat auch tatsächlich schon dazu geführt, die gegenseitigen Verhältnisse zwischen Juden und ihren Wirtsvölkern erheblich zu verschlechtern und die inneren jüdischen Positionen zu schwächen. Das Problem der jüdischen nationalen Autonomie ist das Problem des jüdischen Selbstorganisierens und der Sanierung des jüdischen sozialen Lebens einerseits und des wirklichen realen, nicht im Gesetze verankerten Verhältnisses zwischen den Juden und den Völkern, unter denen sie leben, andererseits. Nur so aufgefaßt kann es allmählich gelöst werden, nicht in dem Sinn, daß alle Nachteile der jüdischen Minderheitslage spurlos verschwänden, sondern in dem Sinn, daß auch im Galuth das jüdische Leben, in freiem Verkehr mit anderen Kulturen, sich frei menschlich und national entwickeln kann. So wird das jüdische Problem von Jabotinsky und uns, im Ganzen und in Einzelheiten, fast immer grundverschieden aufgefaßt In ideologischer Hinsicht öffnet er uns keine neuen Ausblicke, und lernen können wir bei ihm wenig. Trotzdem können wir diesem so reich begabten Schriftsteller unsere Anerkennung nicht versagen. Seine schon hervorgehobenen Eigenschaften, Mut, Offenheit, das Fehlen jeglicher Demagogie, machen aus ihm einen der sittlichsten Vertreter der heutigen jüdischen Publizistik. Wenn man sich in seine Welt vertieft, bekommt man den Eindruck, als ob er am wenigsten ein Politiker, ein Rechner wäre, sondern vor allem ein Mann des Gewissens und der großen Ehrlichkeit, für den seine jüdische Arbeit eine opfervolle sittliche Aufgabe ist. Und noch mehr: als Unterton, nirgends in klaren Worten ausgesprochen, spürt man in ihm doch ganz deutlich das Streben nach einer besseren Welt, fühlt man eine große moralische Sehnsucht, fühlt man sogar zuweilen die Verzweiflung, in dieser verdammten Welt nach ihren ehernen Gesetzen zu leben und zu arbeiten, an diesem grausamen Wolfsgewimmel teilzunehmen gezwungen zu sein. Manchmal, wenn Jabotinsky „sich gehen läßt", wenn er seiner lange angehaltenen Leidenschaft erlaubt hervorzubrechen, scheint es, als ob er doch das Pathos der jüdischen Geschichte zu verstehen und zu fühlen imstande wäre; dann spricht er von ihr als von „der größten nationalen Heldentat, im Vergleich mit der kleinlich erscheinen die griechisch-persischen Kriege, die Geschichte der Vier Kantone und die italienische Vereinigung", dann weiß auch er, daß „die Fähigkeit, unendlich für das alte. Banner zu leiden, das Sinnbild und der letzte Rest der ungeheuren gigantischen sittlichen Macht ist". Das geschieht aber sehr selten, und sofort befindet man sich wieder in der erstickenden Luft der bäte humaine. Auch in diesem Sinn hat die Reaktionszeit, die diesen Schriftsteller gebar, ihn an Händen und Füßen gebunden und jeder Freiheit beraubt. In Zeitperioden der allgemeinen Enttäuschung klingen alle Worte über Menschheit, Brüderlichkeit, sittliche Aufgaben und übernationale Werte, alle Worte, die, oberhalb der nationalen Befreiung zur menschlichen Erlösung führen, so abgeschmackt, so leer, so phrasenhaft; man assoziiert so gern den Idealismus mit der Schwäche, daß jedes für ihr gebrachte Opfer fast lächerlich, jedenfalls naiv, unzeitgemäß erscheint. Die Gefahr, die eigene nationale Gefahr erscheint immer drohender, man hat nicht mehr die Kraft sie in die allgemeine Gefahr der sittlichen Menschheit einzustellen, man greift zu dem, was anscheinend einzig und allein noch geblieben ist — zum Kampfe mit allen Mitteln, mit Recht und Unrecht, mit Ehre und Rache. Und da solcher Kampf wirklich unermeßlich schwer ist, muß er „mit zusammengepreßten Zähnen, mit blassem Gesichte" geführt werden; hinter dieser bleichen Maske verbirgt man, aus einer gewissen falschen Keuschheit, aus unfreier Scham, das echte Gesicht, das Gesicht des jüdischen Willens und des jüdischen sittlichen Pathos. Moses Beilinson