Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jabotinsky als Schriftsteller
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 55 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101191-3107646--5775-3107712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller 55 wir zurückblicken auf dieses neunzehnte Jahrhundert, das so beschämend mit Napoleons Synedrion anfängt, und damit unsere Zeit vergleichen, können wir nicht umhin ein erstaunliches Aufblühen des jüdischen Gedankens, des jüdischen Selbstbewußtseins, des jüdischen Willens, der jüdischen politischen Organisierung festzustellen. Ist es wirklich gerecht, von einem rein numerischen Kriterium geleitet, von momentanen Schwächezuständen beeinflußt, diesen ungeheuren Fortschritt zu ignorieren und vom Untergange des Judentums, von unabweislichem fatalen* Zerfall zu sprechen? Hat das Judentum der zweiten Hälfte des 19.^ und des Anfangs des 20. Jahrhunderts nicht vielmehr in Fülle Beweise einer überraschenden Vitalität gebracht? Die Überwindung der Assimilation hat aber gerade im Galuth stattgefunden. Man darf sich selbstverständlich nicht in einen ebenso fatalistischen Optimismus einwiegen lassen; diese Überwindung hat außerordentliche Energien, Anstrengungen und Opfer gekostet, und werden diese nachlassen, so wird die Zukunft trüber werden; es ist aber ungerecht zu verkennen, daß diese Energien sich bis jetzt im jüdischen Volke gefunden haben. Auch wir haben als Losung Palästina, nur glauben wir nicht, daß Palästina durch ein minderwertiges und im Zerfall sich befindendes Judentum erobert werden kann. Und ebenso glauben wir nicht, daß der Zionismus breite Schichten des jüdischen Volkes in seinen Wirkungskreis einbeziehen und in ihnen neue Energien zu wecken imstande sein wird, daß er es zu wirklichem, nicht papierenem Segen bringen und die ihm gehörende Stelle im Weltsystem behaupten kann, wenn er nichts anderes in Aussicht zu stellen fähig ist als eine „egoistische und exklusive" Generation in Palästina. In unserer schweren und erfahrungsreichen Zeit sind wir Realpolitiker geworden, und* wir kennen den Wert des >»heiligen Egoismus", der Europa in Trümmer verwandelt hat; wir wissen, was die Welt dafürzahlen mußte, daß die Menschheitsgeschichte als ein Wolfsgewimmel betrachtet worden war, wir sehen, wie der nackte Kampf nicht nur den Besiegten, sondern auch den Siegern bekommen ist. Und so billig wie andere „kleine Völker** ihr heiliges Streben nach Freiheit und Recht verkauft haben, wollen wir die tausendjährige Sehnsucht des jüdischen Volkes nicht hergeben. Müßte es wirklich unbedingt so sein, daß es in der gegebenen Konstellation nicht anders anginge, als das jüdische Palästina nur als ein orientalisches Polen aufzubauen, so würden wir es vorziehen, noch um einige Jahre oder Jahrzehnte <Jas jüdische Exil verlängert zu sehen. Wir haben keine Angst vor dem überlegenen Lächeln der Kenner der internationalen Verhältnisse und wir glauben, daß wir bessere Realpolitiker sind, wenn wir behaupten, daß unser Recht und unsere Wahrheit die besten, die einzigen Waffen unseres Kampfes sind und daß nur dank ihnen die jüdische nationale Bewegung zum Siege kommen wird. Und da diese Bewegung für uns auch Selbstzweck ist, als Überwindung der jüdischen Schwäche, als Erziehung der jüdischen Massen, als Neuorganisierung des jüdischen Volkes, sind die Mittel, die diese Bewegung anwendet, für uns nicht zufällig, sondern wesenhaft: man erzieht nicht durch Rache und Unrecht, und das sich befreiende Volk wird das sein, was es - in seinem Befreiungskampfe geworden ist Mit unserer Unvoreingenommenheit allen Erscheinungen des jüdischen Lebens gegenüber ist auch unser Verhältnis zur Assimilation von demjenigen Jabotinskys grundverschieden. Die Notwendigkeit sie zu überwinden steht ja .außer Frage und manches scharfe Wort, manche eindrucksvolle Bemerkung von Jabotinsky sind dazu ungemein angetan, diese Überwindung zu fördern; seine „Patrioten der Zwischenstation" vergißt man nicht so leicht und seine Auseinandersetzung mit russisch-jüdischer Assimilation ist beißend und manchmal tief. Nur weigern wir uns, die Assimilation, eine geschichtliche Erscheinung, die, wenigstens in ihren Anfängen, oft moralisch ernster und reiner als der hartnäckige Konservatismus war, als einfach aus Brotgründen entstanden zu erklären und die assimilierten Juden schlechthin als Fahnenflüchtige zu brandmarken. Der Assimilation verdanken wir viel, sie stand mit an derWiege der jüdischen Bewegung, und