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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Jabotinsky als Schriftsteller
Date
1921-01-01
Page
54 (sequence 7)
Language
German
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54 Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller der Antisemitismus, bei Jabotinsky Assimilation und Zerfall). Für uns ist das Wesentliche nicht mehr Auflehnung, d. h. Zerstörung, sondern Aufbau. Beide — Herzl und Jabotinsky — konzentrieren sich ausschließlich auf das national-politische Gebiet und ignorieren zwei Probleme, die für uns Grundprobleme des neuen Judentums sind — das religiöse und das soziale. Auch wir sehen genau die dunklen Seiten der heutigen Judenheit, auch wir kennen die bittere Scham über ihre Kleinheit, ihr Kleinbürgertum, ihre soziale Mißgestalt (was Jabotinsky am wenigsten fühlt), die hinterlistigen demütigenden Formen, die ihr Fortdauerinstinkt sie annehmen läßt. Auch wir wissen, „wie bitter das Brot der anderen schmeckt." Wir haben uns aber von maskilischer Verachtung des alten Ghettos befreit und wir kennen und schätzen die geistigen Kräfte, die dieses Ghetto aufrechterhalten haben, mehr noch—in gewissem Sinne betrachten wir uns als geistige Erben dieses verabscheuten Ghettosund sind weit davon entfernt, es als moralischen Schutthaufen zu beurteilen. Wir haben gelernt, den auf dringlichen Stolz der Neulinge in der Geschichte auf ihren richtigen Wert abzuschätzen, und die gottesfürchtige Demut unserer Väter tauschen wir gegen diesen Stolz nicht. Wir haben nicht nur Liebe zum jüdischen Volke, sondern, trotz mancher Niedrigkeit und Niedertracht der heutigen jüdischen Gasse, haben wir auch tiefe Ehrfurcht vor ihm. Wir verstehen die Sehnsucht nach kraftvoller Rebellion und wir wissen: dulce et decorum est pro patria mori, aber nicht nur süß und ehrenvoll, sondern auch leicht, insbesondre wenn den Sieger die Triumphbogen erwarten, wenn ihn in den Tod Trompeten und wehende Fahnen begleiten und die Mädchen ihm Rosen zuwerfen; unermeßlich größeres Heldentum aber erblicken wh\unübersehbar auf allen Gassen der tausendjährigenjüdischenGhettiausgesät,Heldentum ohne Triumph, ohne Trompeten und ohne Mädchenrosen. Um dieses Heldentums willen, das nur in Gottes Namen vollbracht wird, nicht in der Macht oder des Besitzes Namen, vergessen wir jeden Schmutz und jede Schwäche. Uns hat jüdisches Volk viel zu sagen, wir haben bei ihm zu lernen, und seine Feste und seine Wunden lassen uns nicht gleichgültig, auch wenn wir anstatt des jähen Aufschreis des verletzten Stolzes heute nur das leise Jammern vernehmen. Was aber die Hauptsache ist: solange Jabotinsky und wir, ihm folgend, im Gebiete des Stolzes und der Ehre, seiner europäischen Auflehnung und unseres jüdischen stillen Heldentums bleiben, streifen wir nur die Oberfläche des Problems. Nicht nur die Leidensfähigkeit und die Widerstandsformen des jüdischen Ghettos sind uns verständlich und vertraut, sondern auch das, wofür dieses Ghetto litt und leidet. Wir weigern uns zu glauben, daß die mächtige jüdische Religiosität, die ungeheure Sehnsucht nach dem Absoluten in formalistischem Ritus verdorrt sei und daß der zeitgenössische Jude ihrer bar geworden sei. Dieser unausrottbarenSehnsucht halber sehen wir im Judentum den Träger der unsterblichen Wahrheit. Das heißt nicht, daß das jüdische Ghetto von uns in romantischer Verblendung, ohne Protest, so wie es heute ist, hingenommen würde. Viel muß sich da andern, unermeßliche Arbeit ist da zu vollbringen. Nur wissen wir, daß kein Garibaldi mit seinem Tausend hier helfen kann. Die Emanzipation eines Volkes ist ein langer organischer Prozeß der Selbstzucht und Selbsterziehung; er ist nicht von einer revolutionärer Minderheit zu „machen". Vor unseren Augen, und das ist eine der wertvollsten Erfahrungen unserer Generation, verbrennt der europäische Osten in solch einem verzweifelten Versuche. Unsere Aufgabe ist es, das Wertvolle und Schöne, das Ewige des jüdischen Lebens herauszukristallisieren, weiterzuentwickeln, dem jüdischen Volke dienstbar zu machen, und so, sich erziehend, zu erziehen. Während einem Jabotinsky in diesem jüdischen Leben alles widerlich ist, ist in uns der Glaube unerschütterlich, daß die geistigen Kräfte dieses Lebens mehr als genügend sind, um die Krise der Emanzipationsepoche zu überwinden. Mehr noch: wir glauben sogar, daß diese Überwindung schon im Gange ist, schon zum guten Teile vollbracht ist und zwar gerade im „fremden Lande", im Galuth, wo es nach Jabotinsky keine Rettung geben kann. Wenn

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