Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jabotinsky als Schriftsteller
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 53 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller 53 Aus dieser Einstellung ergibt sich von selbst das Verhältnis zum Lande, in dem man wohnt, zur jüdischen Zerstreuung überhaupt. Was Abram in „Das Fremde Land" sagt, das wiederholt Jabotinsky in Feuilletons auch im eigenen Namen: „Es gibt keine Rettung. Ihr seid im fremden Lande und bis zu Ende wird sich über euch der Willen des fremden Landes vollziehen." Die schmerzliche und komplizierte Frage des Zusammenlebens der Juden und ihrer Wirtsvölker wird in einfachster Weise gelöst: Steine legen zum neuen palästinensischen Tempel. Die Beschuldigungen, die Hetze, die Pogrome „können uns nichts sagen, uns nichts lehren". Nichts sehen, nicht reagieren, Schekel sammeln, blaue Marken kleben, den Blick unabweisbar nach Osten gerichtet. Man soll sich nicht rechtfertigen, man muß endlich aus der ewigen Lage der Angeklagten herauskommen und als' Antwort auf alle diese Beschuldigungen einfach die Arme auf der Brust kreuzen und laut, deutlich, kalt und ruhig, als das einzige Argument, das diesem Publikum verständlich ist, erklären: Schert euch alle zum Teufel... Ob wir euch gefallen oder nicht, ist uns am Ende ganz gleichgültig. Die Persönlichkeit des Volkes ist souverän, sie kennt keine Verantwortung und ist nicht verpflichtet sich zu rechtfertigen. Niemandem geben wir Rechenschaft." Und was das Problem des geistigen Zusammenlebens anbetrifft, so haben wir die Lösung schon in der Auseinandersetzung mit der Assimilation gehört: ein hebräisch redender Junge soll uns teurer sein als alle geistigen Werte, von denen unsere Nachbarn leben; diesen Werten kehren wir den Rücken. Zu seiner Zeit hat das Werk Jabotinskys einen tiefen und nachhaltigen Einfluß ausgeübt: mit seiner schonungslosen Offenheit, seinem stark ausgesprochenen Selbstgefühl, seiner nicht minder stark betonten Verachtung aller Nachgiebigen, Überläufer, Fahnenflüchtigen, die in jener trüben Zeit so zahlreich geworden waren, war es ohne Zweifel von großer erzieherischer Wirkung, und kaum einer der russischen Zionisten, auch von denjenigen, die jetzt am entgegengesetzten Pole der zionistischen Öffentlichkeit stehen, hat sich seinem Bann entzogen. Auch wer ihn heute bekämpft, erinnert sich der oder jener aus seinen Reden, des oder jenes seiner Aufsätze, seiner scharfen schneidenden Bemerkungen, wie eines Erlebnisses. Unserer Generation hat er aber kaum mehr viel zu sagen1). Wir waren Zeugen davon, wie die russische Judenheit ihre trübe Krise der Jahre 1907 bis 1913 überwunden hat; wir waren Zeugen einer ungeheuren materiellen und geistigen Katastrophe, des Weltkrieges, aber auch Zeugen eines ungeheurenStrebens derMenschheit zur neuen Welt. Wir haben Wilson und die russische Februarrevolution, wir haben die mitteleuropäischen Revolutionen, die russische Oktoberrevolution, das blinde Angezogenwerden der arbeitenden Welt von dem osteuropäischen Erlösungsmythus, die Wiederaufrichtung der kleinen Völker hinter uns; das Wiedererwachen des Orients kündigt sich uns an. Wir können die Lehren, die wir aus unseren Hoffnungen und Enttäuschungen gezogen haben, nicht mehr abstreifen. Uns kann Jabotinsky nicht viel sagen. Was wir vor allem vor ihm voraus haben, ist unsere größere geistige Freiheit. Wir haben uns von jeder Reaktion auf etwas, was uns innerlich fremd ist, sei es Antisemitismus oder Assimilation, befreit oder jedenfalls bemühen wir uns, uns davon zu befreien. Wir fühlen uns in unserem Judentum viel sicherer, viel natürlicher, als es bei der vergangenen zionistischen Generation der Fall war; deshalb ist unsere Wertung der Judenheit, in Vergangenheit und Gegenwart, viel objektiver und ruhiger, unsere Auflehnung gegen die Assimilation und das „fremde Land" viel weniger stürmisch: uns ist dieses fremde Land gar nicht so gefährlich. In gewissem Sinne ist Jabotinsky der treue Erbe Herzischen Geistes; für beide sind verletzter Stolz, Entrüstung, Auflehnung bestimmend (nur steht im Zentrum der Herzischen Welt x) J. operiert nicht mit Daten oder Ziffern und auch nicht immer mit Logik, sondern vor allem mit Stimmungen. Deshalb trägt auch die Auseinandersetzung mit ihm notgedrungen einen subjektiven Charakter.