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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 52

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Jabotinsky als Schriftsteller
Date
1921-01-01
Page
52 (sequence 5)
Language
German
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Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller hartnäckig, egoistisch, exklusiv, wie alle gesunden Völker." Und das ist um so notwendiger, als alle Versuche unnütz sind, sich in der Welt einen Platz zu erobern, wenn man nicht „hartnäckig, egoistisch und exklusiv" sein will. „Weise war der Philosoph, der sagte: homo homini lupus. Der Mensch ist dem Menschen schlimmer als ein Wolf, und lange Zeit noch werden wir es nicht ändern können, weder durch Staatsreformen, noch durch Kultur, noch durch bittere Lebenslehren. Dumm ist wer dem Nachbar glaubt, sei dieser noch so gütig. Dumm ist wer auf Gerechtigkeit sich verläßt: sie besteht nur für diejenigen, die imstande sind sie mit Faustkraft und Hartnäckigkeit zu erobern ... Im Exklusivismus, im Mißtrauen, im „Steine in der Tasche" ist das einzige Mittel, sich noch irgendwie in diesem Wolfsgewimmel auf den Füßen zu halten." Denn die Menschheitsgeschichte ist ein „großes, allweltliches Wolfsgewimmel, wo es keine Rechthabenden und keine Unrechthabenden gibt, wo nur ein nackter Kampf der Gier und Gewalt, ein widerlicher gewissenloser Kampf sich abspielt, aus dem jedoch alles das, worin wir geistig atmen und leben und was wir Kultur nennen, erwächst." „So war es, so ist es, so, wird es bleiben." Es heißt: kämpfen, erobern, nie den rechten Augenblick vorbeigehen lassen, siegen — zum Sieger kommt, um ihn zu beglückwünschen, die ganze Welt, mit der „öffentlichen Meinung" an der Spitze, und „kein Hund erinnert sich des Edelsinns des Besiegten". Nicht umsonst trägt ein ganzer Abschnitt des Buches den Titel „La bete humaine". „Lerne lieben, lerne kämpfen, lerne schlau sein, weil die Welt ein Reich der Wölfe ist, wo man alle Werkzeuge der Verteidigung und des Angriffs beherrschen können muß." Ist es gut oder schlecht so? Darüber diskutiert man nicht, man nimmt dieheutige Welt als eine gegebeneTatsache,nicht von uns so geschaffen, undman findet sichmit ihr ab, denn als oberstes Gesetz gilt: nicht in Schande untergehen. Aus der katastrophalen Beurteilung des jüdischen Lebens — immer drohender ist die Gefahr des Zerfalls und des Untergangs, aus den auch objektiv wachsenden Erscheinungen der Anbiederei, der Fahnenflucht, der billigen Assimilation (man erinnere sich an die damalige Taufepidemie unter der Jugend); lauter Erscheinungen einer Reaktionszeit — erklärt sich auch der scharfe Ton, in dem Jabotinsky den Kampf gegen die Assimilation führt, und das vernichtende Urteil, das er über die assimilierten Juden fällt. Nichts haben sie geschaffen, diese „Patrioten der Zwischenstation", nichts können sie schaffen, Fahnenflüchtige und Brotjäger sind sie. „Er (der assimilierte Jude) ist unnütz für uns und niemand braucht ihn, sein ganzes Leben ist ein Mißverständnis, seine ganze Arbeit ist ein leerer Platz." „Die Emigration der Juden in die russische Literatur gibt nur einigen Hunderten von Leuten Brot, das ist ihr ganzer Sinn." Und nichts gewährt vielleicht besseren Aufschluß über die Stimmung Jabotinskys der Assimilation gegenüber und seine psychologischen Beweggründe als seine folgende Ansprache an die „Brüder", die uns im Kampfe allein gelassen haben: „Ich will euch noch auf eins aufmerksam machen: auf unsere versteinerte, verdichtete, kalt-wütige Entschlossenheit, auf dem Posten, die andere verlassen haben, auszuharren und der jüdischen Sache womit es nur möglich ist zu dienen — mit Kopf und Füßen und Zähnen, mit Recht und Unrecht, mit Ehre und Rache, koste es was es will. Ihr seid zum reichen Nachbarn gegangen — wir werden seiner Schönheit und Gunst den Rücken kehren; ihr betet seine Götter an — wir werden die Zähne zusammenpressen und ins Gesicht der ganzen Welt herausschreien, daß ein kleiner Junge, der hebräisch spricht, uns teurer ist als alles womit eure Wirte leben. Wir werden unsernHaö übersteigern, damit er unserer Liebe diene, wir werden die Saiten bis aufs äußerste spannen, denn wir sind nur wenige und jeder von uns muß für zehn arbeiten, weil ihr geflüchtet seid. Euch werden andere folgen. Jemand muß doch bleiben. Und wenn ihr, am anderen Ufer stehend, euch zufällig des verlassenen heimatlichen Winkels erinnert und vielleicht, auf einen Augenblick, ein leiser Schmerz euer Herz berührt, beruhigt euch und betrübt euch nicht, großmütige Brüder: gehen wir nicht zugrunde, so werden wir auch euren Teil der Arbeit fertig bringen."

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