Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jabotinsky als Schriftsteller
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 51 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller 5i Ehrfurcht vor der heutigen Judenheit, das überaus hoffnungslose Bild, das er von ihr entwirft, und — merkwürdig genug — das vollständige Ignorieren des zentralen Phänomens des jüdischen Lebens und der jüdischen Seele: der religiösen Sehnsucht. Ja, wäre Jabotinsky eine weniger kraftvolle Persönlichkeit oder wäre er der starken (nur sorgsam verhaltenen) sittlichen Anlagen bar, wäre er selbst vielleicht dem Rate Abrams gefolgt oder wäre jedenfalls über ihn ein Volk hinweggegangen und hätte sich persönlich von ihm losgesagt! Aber bei seiner ganzen pessimistischen Beurteilung der Lage geht er diesen Weg nicht und bleibt an seinem Kampfesposten. Die Schwere der Aufgabe erschreckt ihn nicht; unermüdlich muß die Rettungsarbeit geführt werden, von nichts, weder von Revolution noch von Verfolgungen noch von Feigheit der Juden noch von Feindschaft der Nichtjuden darf man sich stören lassen. „Wenn der Blitz den schwarzen Himmel des fremden Landes entzweireißt, heiße ich mein Herz still sein und meine Augen nicht sehen: ich nehme und lege noch einen Stein (des neuen jüdischen Gebäudes) und das ist meine einzige Antwort auf das Krachen der Zerstörung." Vergebens wird man in beiden Büchern die Antwort auf das „Wie?" suchen. Wohl, die Antwort ist da und sie heißt Palästina; sie ist aber zu einfach, um vollständig und befriedigend zu sein, denn hinter ihr verbirgt sich doch die Hauptfrage: wie kommt man mit einemsolchen Volke, bei dem alles am Verdorren oder Absterben ist, zu Palästina? Vielleicht stellt sich Jabotinsky gar nicht diese Frage, vielleicht ist er nicht imstande sie zu beantworten. Wenn man aber den enthusiastischen Aufsatz liest, der Jabotinsky dem Garibaldi (wie er ihn versteht) widmet, bekommt man den Eindruck, als ob ihm etwas wie eine zu allen Opfern bereite Minderheit, eine Elite, vorschwebte, die durch entschlossene Aktion sich und alle die mittun wollen rettet und den Rest seinem Schicksal überläßt. Für den Einzelnen, der das Volk retten will, heißt es nur arbeiten »mit zusammengepreßten Zähnen, mit blassem Gesichte, mit trockenen Augen", für sein Ideal arbeiten und dabei auf viele Opfer, auf schwerste Opfer gefaßt sein; darin aber findet man Glück und Genugtuung. „In meinem Volke gab es einen grausamen aber tiefsinnigen Brauch: wenn die Frau sich ihrem Manne gab, schnitt sie sich die Haare ab. Als ein allgemeiner Brauch ist es eine Barbarei. Aber es gibt wahrhaftig ein solches Maß der Liebe, daß man wünscht alles herzugeben, sogar die Schönheit. Vielleicht könnte auch ich in freier Luft schweben, schöne Gedichte ertönen lassen und in dem billigen Geräusch eures Beifalls mich baden. Ich will aber nicht. Ich habe mein Haar abgeschnitten, weil ich meinen Glauben liebe. Ich liebe meinen Glauben, in ihm bin ich glücklich, wie ihr nie glücklich gewesen seid und nie glücklich sein werdet, und nichts weiter brauche ich." Bei einer so ehrfurchtlosen Bewertung der heutigen Judenheit sieht man bei Jabotinsky eine um so höhere Wertung des Phänomenes „Volk" überhaupt. Auch das erklärt sich aus der Reaktionsepoche, die ihn beeinflußte. Aus dem sozialen Gebiete in flachen Individualismus geflüchtet, fand man doch instinktmäßig diese Position zu schwach und, im Streben nach irgendeiner Stütze, suchte man sie in möglichst engem Kreise, im eigenen Volke. In der Arbeit für es und nur für es sollten alle Kräfte konzentriert werden; nur ihm sollte gedient werden. „Es gibt auf der Welt keine höheren Güter als Volk und Heimat, es gibt keinen Gott, dem diese kostbaren Güter darzubringen lohnte." „Dasv Volk ist Anfang und Ende meines Glaubens, es ist mir teuerer als der Fortschritt." „Ich liebe mein Volk und Palästina: das ist mein Glauben, der Beruf meines Lebens und nichts weiter brauche ich .. . Mein Handwerk ist das eines Baumeisters, der einen neuen Tempel für seinen absoluten Gott baut, und dieser heißt jüdisches Volk." Es ist natürlich, daß dieses Volk, wenn es auf seiner Scholle sitzt, sich über alle diesen allgemeinen Dinge, die so viel Schmerz und Blut kosten und so wenig nützen, die nur einen bitteren Nachgeschmack eines unnötigen, von niemand gewünschten ,Opfers hinterlassen, so wenig Sorge wie möglich machen soll. „Erzählet eurem Kinde, wie in Palästina aus den Splittern ein wahres Volk zusammenwächst, 4*