Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Jabotinsky als Schriftsteller
Date
1921-01-01
Page
50 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101191-3107646--5770-3107707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5o Bemerkungen: Jabotinsky als Schriftsteller ohne die Hände an ihrem Feuer zu wärmen — stolzer Bettler in seinen Lumpen, Bettler, der einmal König war!" Aber auch dieser Rebell hat nicht die Kraft, sein, übrigens rein negatives, Programm durchzuführen, und stolpert über die Liebe zum christlichen Mädchen, vor dem er sein Judentum verheimlicht. Übrigens ist Gonta (so heißt er) am wenigsten künstlerisch beglaubigt, und der Verfasser muß zu seiner Charakterisierung durch einen anderen Helden greifen, der über Gonta sagt: „Er lebte unter uns und dachte nach ihrem (der Fremden) Muster; er sah nie ihren Werktag und nie unsere Heiligtümer, in unserem Lager kannte er nur unsere Prosa, in ihrem nur ihre Poesie. Und es wurde ihm übel vor uns, und das Bewußtsein der Verwandtschaft mit uns wurde ihm wie eine Kugel am Fuße, schlimmer als ein häßlicher Buckel, den man nicht loswerden kann; und dann hat er aus der Not eine Tugend gemacht und über die ganze Gasse geschrien: Ich bin stolz auf meinen Buckel!" Wer diese wahrhaft glänzende Charakteristik eines sehr häufigen Typus des jüdischen Intellektuellen gibt, ist ein junger Mann, Abram, Sohn eines Zaddiks, der bei sich im kleinen Flecken angefangen hat Bücher zu lesen und jetzt in die große jüdische Gasse gekommen ist, um die Wahrheit zu suchen; er findet sie nicht. „Ich bin eure Gasse durch und durch gegangen, habe geprüft, habe gewogen und über euch das Urteil gefällt. Alles ist Lüge. An eurem Himmel gibt es keine Sonne, von euch breitet sich kein Weg. Eure Sonne ist Lüge und Lüge sind die Wege, auf die euch eure Betrüger führen. Alle eure Geldmünzen sind falsch. Deshalb habt ihr so viele. Deshalb werft ihr sie so leicht und freigebig hin." Gibt es einen Ausweg? „Ihr seid zum Untergang verurteilt. Ihr könnt schreien und rasen, ihr könnt Steine vor Wut beißen, es gibt keine Rettung, ihr seid verdammt, ihr werdet nichts schaffen, ihr habt keine Zuflucht, euer Lebensrest wird euch nur eine stumpfe Agonie ohne Sinn und Ziel bringen. Ich rufe euch zum einzigen auf, was euch geblieben ist: zum Zynismus und zur Unzucht, zum Zynismus vor allen Götzen und zur Unzucht auf allen Plätzen... Ich erlaube euch das Böse, die Niedertracht, den Verrat, gehet und verderbet alles, was ihr auf eurem Wege antreffet." Auf den Zwischenruf aus der Menge, vor derer diese Rede hält: „Wozu?" antwortet Abram: „So. Es ist ja alles gleich." Und im irrsinnigen Triebe folgt ihm die Menge, die vor einem Augenblicke noch den Revolutionär anbetete. Das ist die jüdische Jugend. Und die alte Generation? Im allgemeinen gilt auch für sie, was das russische Mädchen, offenbar das Sprachrohr des Verfassers, von den Juden überhaupt sagt: „Ihr seid seltsam. Ihr seid alle krank, ich weiß nicht woran. Es ist in euch etwas Eitles, es gibt in euch keine Leichtigkeit, keine feierliche Stille, keinen ruhigen Stolz." Das Bild der alten Generation ist durch stärker empfundenes Elend und stille Resignation etwas gedämpft, aber sie ist ebenso der Würde und des Selbstbewußtseins bar wie die Jungen, dazu ist sie noch feig; alles ist in ihr erloschen, kein Leben mehr, auch nicht das bischen Kraft, die bei den Jungen noch da ist. Die Versammlung, in der der Revolutionär, Gonta und Abram ihre Deklarationsreden halten, findet in der Synagoge, in Anwesenheit der Betenden, statt. Teilnahmlos, ohne Verständnis sieht diese sterbende Generation dem Untergang ihrer Jugend zu und kein Helfer, kein Mahner erhebt sich aus ihren Reihen, Nachdem die Menge dem Abram gefolgt ist und die Synagoge verlassen hat, spielt sich folgende Szene ab. „Die Alten: „Was ist es? — Weiß ich? — Weiß ich? — Was sollen wir machen? — Uns erhängen? — Uns ertränken? — Uns betrinken? — Sind wir bei Schemone essre stehen geblieben? Wurden wir unterbrochen? Das ist unser Platz, von hier gehen wir nicht weg. Stehen wir unser Gebet bis zu Ende, was weiter zu tun, werden wir sehen." (. . . Immer tiefer beugen sich die Köpfe, kraftlos sinken die Hände, schwach brennen die Kerzen und ein kaum hörbarer Wehechoral breitet sich über die halbleere Synagoge Linath-Zedek. Das ist Schemone essre, das Gebet der achtzehn Segensprüche,)" Mit dieser düsteren Szene schließt das Schauspiel. Kein Lichtstrahl. Das ist die erste Wirkung der Reaktion auf Jabotinsky — der vollständige Mangel an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.