Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Paulus, der Bekehrer
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 43 (sequence 12)
- Language
- German
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Paulus, der Bekehrer 43 Paulus, den Ausbreiter und Bekehrer. Im Räume der Welt muß sie ihren umgrenzbaren, umhegten Ort finden, von' dem aus ihre Sendboten in alle Lande eilen — werbend, verheißend, drohend: Petrus ist der Felsen, auf dem die Arche der christlichen Gemeinschaft, schwimmend im Zeitenstrom, Anker wirft. Petrus ist die statische, Paulus die kinetische Gestalt des, Christentums geworden. Bereits im Leben der Beiden hat sich das entschieden und ohne Kampf ist es nicht abgegangen. Paulus hat auf vielen und weiten Reisen fast sämtliche Zentren der Mittelmeerländer besucht und die neue Lehre überall verbreitet; man hat ihm seine Arbeit nicht leicht gemacht und ihm vielfach die Berechtigung zu seinem Auftreten abgestritten. Dem Manne, der aus seinem Erlebnis heraus predigte, standen tatsächliche Beweise für sein Recht nicht zur Verfügung, aber seine Kraft setzte sich auch ohne das durch und das war viel. Zwischen ihm und den Uraposteln — Jakobus, Petrus, Johannes — kam es zu Streitigkeiten, wohl auf Grund seiner Auffassung des Gesetzes: jene „Heiligen von Jerusalem" waren noch stark im Jüdischen verhaftet, sie waren Zionschristen. Man kam zu einer Einigung, d. h. zu einer reinlichen Scheidung der Wirkungssphären auf dem Apostelkonzil: dem Paulus blieb der Apostolat in der heidnischen Welt. Im Kreise der Urgemeinde und im Wirken der drei genannten Apostel blieb die Lehre konkreter; sie behielt ihre Wirklichkeit an Ort und Stelle; Paulus hat sie zwar nicht widerspruchslos systematisch entwickelt, aber doch jedesmal im Ausgang von einer praktischen Frage oder einem Erlebnis oder der Not eines Mitgliedes der Gemeinde auf eine abstrakte, allgemeingültige Form gebracht. Er ist so der erste Theologe des Christentums geworden; er verleugnet als solcher nicht den ehemaligen Talmudisten: das ist vielleicht nicht die geringste Komponente seiner Kraft. Sachlich ist die Lehre des Paulus Auferweckung und Bildung der christlichen Seele — „Bildung" ganz als Inbegriff geistiger Inhalte verstanden; persönlich ist sie Ausdruck seines Erlebnisses. Paulus ist in des Wortes genauester Bedeutung ein „religiöses Genie". Was man Religion nennt, ist recht eigentlich erst durch das Christentum einsichtig geworden; erst der christliche Geist hat den stoischen Begriff der religio so erfüllt, daß man heute jede Form, in die sich die Sehnsucht nach einem ganzen und unbedingten Leben kleidet, als „religiös" bezeichnen darf. Der Jude hat in seiner heiligen Sprache nicht einmal ein Wort für diesen Begriff. Daß das Brauchtum der Juden für die Römer eine religio licita war, besagt hier nichts. Erst das Christentum ist die Lehre ewiger Sehnsucht; in ihm wird immerfort am Dasein des Einen, der das Leben ist, ein ganzes heiliges Leben vorbildlich gezeigt. Der Jude aber lebt von keiner Sehnsucht, sondern in seinem Sein wirkt er das Heilige aus und lebt es dar. Jüdischer Lebenswunsch geht auf diesen Tag, diese Stunde und ihr Bedürfnis; der Jude heiligt das Jetzt und Hier: Heilig sein und Dasein sind für ihn nicht voneinander zu lösen. Jeder Christ, der zwischen und neben allem Dasein von seiner Sehnsucht spricht, spricht seine Erlösung aufs Neue aus und in neuem Wort. Alles, was der Jude zum Leben spricht, das. ist ihm schon