Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Paulus, der Bekehrer
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 41 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Paulus, der Bekehrer 41 vom Gesetz in seiner Seele Raum hat; was in unserer Gemeinschaft das ganze leibseelische Menschenleben formt und bildet, bleibt hinter ihm zurück.. Und wenn er es ansieht, so erkennt er es nicht mehr in seiner heilig-irdischen Einheit, sondern zertrennt: in Recht und Sittlichkeit, Zeremonie und Idee. Aus dem gleichmäßigen Leuchten unseres Lebenslichtes hat sich ein glühendes Meteor losgelöst; mit seinem „innerlichen", „geistigen" Feuer muß es weiterzünden, um sein Licht zu verbreiten. Der in die Welt Hinausfliehende nennt unser Gesetz „Werkheiligkeit", über die er die Heiligkeit seiner Seele, seinen Glauben und seine Begnadung stellt. Der Gesetzestreue hält er seine Rechtgläubigkeit entgegen; an die Stelle des Gesetzes, das uns heiligt, tritt ihm die Heiligung durch ein „mystisches Gesetz" —„durchs Gesetz ist er dem Gesetz gestorben" — an die Stelle der Befolgung tritt die Nachfolge. Indem das Sakrament das Leben des Einen weiterträgt, schafft es die Gemeinschaft und gestaltet in der irdischen Welt die christliche „Welt der Heiligen": die Gestalt der End zeit überwindet die Zeitlichkeit.. Alle christliche Unmittelbarkeit ist mystisch, denn sie wird nicht zwischen Mensch und Mensch, sondern zwischen Mensch und Gottmensch zur Tatsache. Was unserer Thora nie zukommt, das eignet jenem mystischen Gesetz: die Kraft, das, was kein gemeinsamer gottgeweihter Blutstrom von Geburt zu Geburt verbunden hält, heilig zu verketten. Paulus bedarf eines neuen Mittels der Einung und Gestaltung, und deshalb hebt er das Gesetz auf. Gewiß heißt das nicht, daß er das Sittengesetz aufgehoben habe: die zehn Gebote und alles „Ethische" hat er natürlich nicht verneint, der aus der Perspektive seiner Weitläufigkeit unser Gesetz ansieht; was auch dem Auge der griechischen Ethiker, und gerade ihm, sichtbar sein kann, das bleibt erhalten. Auch neue Vorschriften hat Paulus gegeben, wenn er „einmal beim Gesetzemachen war", aber das waren wirklich nur Ritualien, äußerliche Dinge, mit denen das Höchste weder stand noch fiel. Wenn bereits Jesus das Gesetz in die Seele hineinzog und wenn die „Erschwerungen", die gerade ihm stets zugerechnet werden, das Gesetz gleichsam psychologisieren, so kommt den Anordnungen des Paulus nur der Charakter des Ritualisierens zu: und beides nimmt der Thora ihr eigentliches Leben. Unserer Vertiefung in das Gesetz tritt eine Vertiefung des neuen Gesetzes in die Seele gegenüber. Das „verinnerlichte" Gesetz aber ist ver-icht und damit vernichtet; erst jenseits von uns hat es überhaupt Sinn bekommen, von Veräußerlichung und Verinnerlichung zu reden. Was sollte noch das Gesetz? Erlösung ist im einmaligen Ereignis des Opfertodes des Einen geschehen; den christlich Erlösten leitet nicht mehr jene alte Weisung vom Sinai, sondern diese neue Schau des Kreuzes. Paulus hat dem Gesetz eine merkwürdige Vorgängerstellung eingeräumt: dadurch, daß es gegeben wurde und also übertreten werden konnte, wurde dem Menschen erst seine Sündhaftigkeit zum Bewußtsein gebracht: „Denn ich wußte nicht von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: Laß Dich nicht gelüsten." Ja: „ohne das Gesetz war die Sünde tot". Das Gesetz hat den Menschen befähigt, zu erfassen, was durch die Tat der Erlösung für