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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Paulus, der Bekehrer
Date
1921-01-01
Page
38 (sequence 7)
Language
German
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38 Eduard Strauß: Mensch und Mensch. Das gerade kann sie durch die Art, wie sie im christlichen Erlebnis geboren wird, nicht mehr sein. Sie ist Liebe i n Jesu, Liebe durch den Mittler — indem sie den Umweg über Gott nimmt, ist sie vermittelt. Die Führung zur Erlösung, die für uns, durch alle Wirklichkeiten der Welt hindurch der Satz „Liebe deinen Nächsten" übernimmt, gelangt für den Christen in Christo Jesu ans Ziel. Indem ich Dich liebe, liebe ich durch dich, nur durch dich, die Menschen: so spricht der Christ; erst durch Gottesliebe wird ihm Nächstenliebe möglich. Höchstes Ziel und letzter Wendepunkt aller strahlenden Kräfte der Liebe ist Er, der Mittler zwischen Gott und Mensch ward und nun auch Mittler zwischen Mensch und Menschen werden muß. Die wirkliche Menschenwelt wird dem Auge des christlich Liebenden nicht mehr anders erschaubar, als durch einen göttlichen Spiegel; nur eine kleine Drehung der spiegelnden Fläche und er sieht sie überhaupt nicht mehr. Im jüdischen Gebet steht der aufrufende Satz „Höre Israel" zusammen mit dem heischenden Satz: „Du sollst Gott, deinen Gott, lieben"; nicht aber steht da zugleich der andere Satz „Du sollst deinen Nächsten lieben". Den zweiten Satz nur noch als Folgesatz des ersten vernehmen zu können, nicht mehr als einen Spruch von eigener Urkraft, — das ist der Sinn der christlichen Nächstenliebe. Der Christ, die „allein-selige" Einzelseele vor Gott, schafft diese Verflechtung, aus der alle jenseitige metaphysische Art der Liebe entspringt. In ketzerischen Abarten der christlichen Mystik hat sich gezeigt, daß auch dies in einem besonderen Sinne „um der Völker ^willen" geschehen ist. Jene Liebe trägt den Glauben an Jesus, den Christus, und zieht zugleich aus ihm ihre Kraft; der Glaube schafft die Gestalt des Christen, gibt ihm Namen und Aufgabe und weist ihn auf seinen Weg. Wenn auch die Liebe das Größte ist, die Rechtfertigung durch den Glauben geht dem Christen voran — anders als dem Juden, der da „tun und glauben" will — naasseh w'nischma. So daß dem Christen immer und immer wieder gesagt werden muß, daß er „Täter des Worts, nicht nur Hörer allein" sein soll. Auf seinem Lebensweg begleitet ihn die Hoffnung, daß der ihm das ewige Leben gebe, der alles Leben auf einmal gelebt hat und aus Liebe allen Tod auf einmal gestorben.ist. Das ist die Hoffnung jeder christlichen Seele auf ihren Erlöser und ist das christliche Hoffeh auf die Erlösung überhaupt, die eintritt, wenn Christus am Ende der Tage wiederkehrt, „zu richten die Toten und die Lebendigen" und prüfend die Summe der Seelen zu ziehen, die seine Liebestat geweckt hat. Die Erlösung und der Erlöser — der da für Jeden gelebt hat und für Viele gestorben ist und der wiederkehren wird für Alle — dies Ineinander und Nacheinander findet in den Lehren des Paulus seine besondere Ausgestaltung. Der Jude nimmt die Erlösung in die Ewigkeit seines Seins hinein und nimmt sie dadurch vorweg; für den Christen ist die Erlösung verzögert; sie ist als in der Zeit bereits vollzogene Tat getan und der Geschichte eingebildet, aber in ihrem Abschluß aufgeschoben bis zur Wiederkehr des Einen, der sie verwirklicht hat. Einmaliges Geschehen wird als Ausgang festgehalten; aus Sein wird Bewegung, Prozeß. Paulus

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