Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Paulus, der Bekehrer
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 37 (sequence 6)
- Language
- German
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Paulus, der Bekehrer 37 Kraft der Bekehrung. Unsere Psalmen und unsere Propheten werden in den Bannkreis „begeisternder" Wirkung hineingerissen, sie werden entkörpert; anders, losgelöst und in einer eigentümlichen Weise „seelisch frei" wirken sie auf den Menschen, dem die Thora nicht der lebendige Mutterboden sein kann — oder nicht mehr ist. Wer fortan im christlichen Geiste an Psalmen und Propheten herantritt, der gibt ihnen entweder solche seelische und „ethische" oder läßt ihnen vielleicht noch eine völkische Wirklichkeit, nichts Anderes; das, was Unser ist, schwindet oder steht wie hinter einer gläsernen Wand, die je nach der Beleuchtung bald Formen, bald Farben erkennen läßt. Die Kunde von Jesus, dem Christus, die Paulus in die Welt trägt, steht unter dem Zeichen der besonderen Offenbarung, die dem Paulus in seinem sprechenden Erlebnis von Damaskus geworden ist. In der Wechselrede zwischen Ich und Du ward die Seele angesprochen und ihr zur bejahenden Antwort der Mund geöffnet. Dies ist die erste Tat der Liebe; was die wachgerufene Seele fürderhin bezeugt, kann nichts Anderes sein, als das, was ihr das Höchste ist: Liebe. Nur sie, die liebende Seele, ist da; sie ist im offenbarenden Erlebnis geschaffen worden. Allein ist sie: allerdings nicht mehr stumm und verschlossen, wie der Heide, sondern allein mit „Dir" — mit ihm, der sie zu sich rief. Deshalb wird ihr Eigenstes, die Liebe, zum Höchsten und Wirklichsten überhaupt; was an Gemeinschaft möglich ist, was auch immer zu A 11 e n kommen soll, muß den Weg durch jenes liebende „Ich und Du" nehmen, durch den offenbarenden Akt, der als Aussage die endgültige, die erlösende Wahrheit einschließt. Zur Liebe führt der, Glaube als Weg, von ihr wird die Hoffnung ewigen Lebens immer neu erzeugt. Der Dreiheit vom Weg, von der Wahrheit und vom Leben tritt in dem großen Hymnus des Korintherbriefs diese andre Dreiheit an die Seite: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle" — von was denn redete ich dann, als von dem Nichts, das ich selbst bin? „Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis,,, — was frommt es, daß ich in mir verschlossener Mensch wisse und erkenne, daß ich nur immer mehr Wissen in meine. Einsamkeit hineinsauge? was frommt mir Wissen der Geheimnisse, das doch nicht Offenbarung ist? kalte Erkenntnis, die nicht Liebe ist zwischen Mir und Dir? „Und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts" — denn nirgendwohin trägt mich die höchste Macht, blind und ziellos bleibt die stärkste Spannung ohne das helle Licht der Seele. Das läßt Paulus nun in den Worten aufleuchten, die nicht dem griechischen Eros, nicht der jüdischen Liebe, sondern etwas Neuem gelten, der christlichen Agape: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." Das ist nicht die Liebe, von der unser Hohes Lied singt; nicht die unmittelbar heilige Wirklichkeit zwischen Geschöpf und Geschöpf, zwischen