Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Paulus, der Bekehrer
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 36 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Eduard Strauß: nicht mehr den, der er bisher gewesen ist. Eine Art von „Seelenschwängerung" — Ibbur, wie es unsere Kabbalisten nennen würden — hat sich an Pkulus vollzogen. „Die Kraft des Christus hat sich auf ihn niedergelassen." „Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe aber; doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir." Aber Paulus vollzieht noch keine Gleichung. Er sagt nicht „ich b i n" — sondern „Er ist Christus". Der mystische Anfang ist zwar da — er muß es sein, denn er ist der einzig mögliche. Dem Paulus aber verbleibt das Erlebte immer noch als „Gegenstand" gegenüber, es bleibt als etwas Lehrbares, Kündbares, Ausdeutbares bestehen. Bei aller Intensität der Verbindung stehen die Inhalte „Ich bin Jesus, den Du erlebst" und „Er ist Christus, den ich bekenne" klar nebeneinander. Hier entfaltet sich noch nicht das Leben der christlichen Mystik; die Begnadung des Paulus bedeutet für ihn im Letzten und Höchsten nicht allein die Erlangung ekstatischen Seelenzustandes; was er sagt, ist nicht „negative", sondern sehr positive Theologie. Paulus ist unmittelbarer und mittelbarer, erlebender und lehrender Christ zugleich und ist dies alles zum erstenmal. Lehre mußte da sein, nicht bloße „Ansteckung"; diese wäre abgeklungen oder hätte höchstens „Rückfälle" gezeitigt; jene aber ist geblieben. Ohne die ihm eigene Objektivität wäre der Apostolat des Paulus unmöglich; nimmermehr wäre er der „Bekehrer" geworden, der die Welt erst bilden mußte, in der dann ein Darleben des Jesuslebens, eine imitatio Christi, eine Gestalt wie Franziskus möglich wurde. Paulus ist der ewige Prototyp, der Mensch, der das Erlebnis des Christwerdens angehoben hat. Und er ist zugleich der große Bekehrer der Heiden, der „betraut ist mit dem Evangelium für die Unbeschnittenen, wie Petrus mit dem für die Beschnittenen". Sein jüdisches Erbe wertet Paulus mit ganzer Gewalt um. Denen, die er gewonnen hat, tut er kund, daß, „was einst geschrieben ward, zu unserer Belehrung geschrieben ist". Thora, Psalmen und Propheten haben insgesamt das verheißen, was ihn, den Paulus, ganz erfüllt und von ihm ausgerufen wird; er findet in allem, was geschrieben steht, den bestätigenden Hinweis auf seine Botschaft: die Heiden sollen sich freuen, die Völker sollen den Herrn loben; ^.uf den, der da aufsteht, zu herrschen über die Heiden, sollen sie hoffen'. Gewiß hat sich bei Paulus noch nicht alles voll ausgewirkt, was im Christentum liegt. Aber es ist in seiner Lebendigkeit alles bereits angelegt. Jeder Folgende kann sich auf ihn berufen. Zwischen der Lehre und dem Erlebnis des Paulus besteht kein Bruch. Aus dem Erlebnis quillt ihm das Lehrbare, sein Erlebnis setzt sich in seine Kunde um. Was Paulus bringt, ist keine Thora, sondern Evangelium; es ist wirklich erschütternd, es reißt hin, es „erbaut" — diese Bezeichnung in dem nur-seelenhaften Sinne verstanden, in dem sie der christliche Mensch seit Paulus kennt und gebraucht, um heidnische Schönheit mit christlicher Flamme zu durchglühen. Das alles tut unsere Thora nicht, das braucht sie uns nicht zu sein. Diese großen Zuständlichkeiten werden jetzt die lebenspendenden, christliches Leben zeugenden Kräfte; in ihnen wirkt die