Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Paulus, der Bekehrer
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 35 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Paulus, der Bekehrer 35 ' auch Offenbarung ist, dann ist sie eben doch nicht die, deren Worte das ewige Volk mit sich trägt. Denn sie kreist als Zwiesprache immer zwischen dem Ich und dem Du, das sie im Erlebnis trifft: einzig wirkliches Du wird für den erlebenden Menschen Jener, der selber das Wort ist: Jesus. Das ist einzelhaft und muß sich in einsamer Empfängnis immer wieder neue Einsame als Zeugen schaffen. Das Eine Volk aber, an das am Sinai die Offenbarung erging, ist in seinem Dasein ewig selber gezeugtes Zeugnis; ihm ist Offenbarung durchaus gemeinsame Sache. Wie die Spannung, in der der Jude Saul lebte, auf die Erlösung gerichtet war, so kann diese gleiche Spannung auch jetzt, nach dem offenbarenden Erlebnis, in dem Christen Paulus auf nichts anderes gerichtet sein als auf Erlösung. Gab ihm die Vision den Einen, zu dem einzig und allein er fortan „Du" sagen wird, so ist dieser Eine jetzt der Träger des endlichen Ziels: der Erlöser. Jesus, der sich dem Paulus nennt, er, den Saul bisher verfolgt hatte, wird ihm der Vollender, der Erfüller aller Verheißung, das Zeichen aller Zeichen, der Abschluß der Offenbarung und damit der Bringer der Endzeit; das Wort, das Paulus nach seinem Erlebnis einzig aussprechen kann, muß sein: Er ist der Christus. Mit einem Schlage enthüllt sich dem Paulus das ihm bis dahin verschlossene Geheimnis des Jesuslebens; die äußere Tatsächlichkeit dieses Lebens, daß Jener geboren wurde und starb, -leuchtet ihm im Lichte der inneren Tatsachen auf: in der persönlichen Errettung durch die Taufe und in der Weihe der Gemeinschaft durch das Abendmahl. Der da einmal „Ich aber sage euch" gesprochen hat, hat nun Den ergriffen, der ihn weiter in alle Zeit offenbar machen soll. Judas hatte das Geheimnis des Menschen verraten, Paulus wird den Sinn des Verklärten verkünden. Die Kawwana jits Paulus erwirkt weiter Alles, was folgt. Sie gibt seiner Stimme die Kraft, das Wort in alle Welt hineinzurufen, so wie sie ihm vorher die Kraft des Kampfes um sein jüdisches Sein gegeben hatte. Sie macht ihn zum ewigen Herold; als solcher tritt er, sichtbar und hörbar, sogar noch vor Den, der das Wort entfesselte und seinen Damm durchstach. Er selber wird in seinem Leben und Tun so greifbar und begreifbar, daß die Betrachtung späterer Zeiten ihn aus dieser Überdeutlichkeit heraus für den „Begründer" des Christentums nehmen konnte. Paulus ist als der Verkünder dem ersten Sprecher des christlichen Wortes gefolgt. Er hat wirklich eine prophetische Sendung und er ist d e r christliche Prophet, so einzig fraglos in dieser christlichen Prophetie, wie Jesus selber der eigentlich einzig fraglos Glaubende ist. Alle sollen die Wahrheit wissen, wie er sie erlebt hat — besser: alle sollen sie selber erleben. Das unterscheidet wieder diesen christlichen Propheten von den Propheten Israels. Was bei diesen neben der Kunde vom göttlichen Ratschluß, neben der Weissagung nicht in Betracht kommt, nämlich die seelische ganz persönliche Wandlung, wird jetzt von wesentlicher Bedeutung. Auf das Erlebnis, auf die seelische Aufnahme des Jesuslebens in Paulus kommt es an. Dem Menschen, der Saul von Tarsos war, wird, während sein Charakter derselbe bleibt, ein neues Ich hinzugefügt: wenn er nun von sich redet, meint er 3*