Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Paulus, der Bekehrer
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 34 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Eduard Strauß: die Schilderungen, die uns die Apostelgeschichte von diesem Kampfe entwirft, lückenhaft oder gefärbt sein, so viel können wir ihnen mit Bestimmtheit entnehmen: das ganze Leben des Saul war erfüllt von jener Spannung, die der Jude Kawwana nennt und die rein und unbedingt auf ihr Ziel losstößt* Nicht auf ein Bild aber und nicht auf einen Gedanken, sondern auf des Wortes letzte Bewährung geht diese Spannung; sie will, daß das Wort, eingetan in uns, bis ins Letzte sich erfülle. Das war es, was in Saul, dem Juden, lebte. Und das wurde gerade durch ihn und in seinem Umschwung nach Außen etwas anderes. Indem geschah, was jetzt zu schildern ist, enthüllte die persönliche Gestalt der Spannung ein zweites Gesicht, täuschend ähnlich dem ersten, dem jüdischen Gesicht, aber eben nur — täuschend. Seine Züge wurden christlich. Saul, „noch schnaubend Drohung und Mord", erbittet und erhält vom Synhedrion in Jerusalem die Erlaubnis, nach Damaskus zu gehen, um die dort stark anwachsende Messianergemeinde zu bekämpfen. Die Apostelgeschichte erzählt: „Da geschah es und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht vom Himmel, und er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme zu ihm sagen: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er sprach aber: Wer bist du, Herr? er aber: Ich bin Jesus, den du verfolgst, du aber stehe auf und gehe in die Stadt, so wird dir gesagt werden, was du tun sollst." Saul erhebt sich, ist erblindet; seine Freunde bringen ihn zur Stadt. Nach drei Tagen bringt ihm Ananias das neue Licht seines Lebens und er erhält sein Augenlicht wieder. Aus Saul, dem „Erbetenen", ist Paulus, der „Geringe", geworden; er ist ein Geringer vor der neuen Aufgabe, die ihn erfüllt, vor dem Höheren, der ihn gerufen hat.. Paulus ist das zweite fortsetzende nach jenem ersten anhebenden Ich. Er nimmt die Taufe und bekennt: Jesus ist der Christus. Was ist der Sinn dieses Geschehens? Zum ersten Male tritt hier das ein, was man als das christliche Ereignis überhaupt bezeichnen muß. Die zu jener Zeit lebenden Jünger Jesu haben den Lebenden noch gekannt, noch von Angesicht zu Angesicht gesehen — Paulus nicht. Ihm zuerst wird Jesus zum Erlebnis. Seine „Geburt" als Christ fällt in das zweite oder dritte Jahr nach dem Tode des Jesus von Nazareth. Das Wort, das Fleisch geworden ist, spricht hier zum ersten Male zu einem Menschen, d. h.: es offenbart sich. Seinen Tag von Damaskus empfindet Paulus als Begnadung: Gnade, die ihm zuteil wird, ist es, daß die Erscheinung sich ihm nennt: „ich bin Jesus", daß sie ihn anspricht und ruft. Der einmal wirklich gelebt hat, sagt hier in einer dem Tode entwordenen Gegenwärtigkeit „Ich bin" zu einem Lebenden, der ihn fragt „Wer bist du?" Gewesenes Leben wird in der Wechselrede von Ich und Du zum andern Male lebendig. Diese Wechselrede bleibt zwischen Ich und Du — ohne Zeugen. Sie ist Aufruf des Einen an den Andern, individuelle Offenbarung, werbende Liebestat an einem Einzelnen. Dem Juden Saul wird die heimliche Zwiesprache und Namensnennung zur Offenbarung; dem Heiden wäre sie es niemals geworden: sie wäre Vision, Orakel, scheuchender Schreck geblieben. Aber: wenn das