Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 31 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Lande der Seligen 3i die mich gelehrt hat, wie man den kategorischen Imperativ faiit Liebe zu vereinigen hat. Und Gitta, die in Zorn geraten konnte wegen eines rein theoretischen Mißverständnisses — wegen einer Differenz in der Auffassung des armen Hirtenkönigs David und infolge verschiedener Interpretation einer Stelle aus dem Sohar kündigte sie die Freundschaft einem sehr sympathischen Gymnasiallehrer, ihrem Kollegen — leuchtete auf, wenn es galt, zu helfen. So tauschte sie ihre letzten Kleider gegen Mehl ein, um, in Hinblick auf die große Not, einem kinderreichen Kollegen die Möglichkeit zu verschaffen, eine Bäckerei zu eröffnen. Die notleidende Familie aß natürlich das Brot auf, bevor es in den Handel kam. Die Bäckerei kam nicht zustand^, Gitta aber kam um ihre einzige Garderobe. Sittlicher Zorn und taktvolle aktive Liebe durchzuckten ihr ganzes Wesen, immer war einer, für den sie zu sorgen, dessen materielle oder seelische Lasten sie zu tragen hatte, nur sich selber vermochte sie nicht mehr zu ertragen. Sie rüstete sich zur weiten Fahrt nach Jerusalem — sie sollte, wie unser ganzer Kreis, mit uns zusammen den Ausgang aus der Sowjet-Ukraine unternehmen — und, fand sich plötzlich nicht würdig, das Heilige Land zu betreten. Sie fürchtete, nicht immer würdig in der hohen Luft leben zu können, und als Rigoristin, die sie war, wünschte sie sich oft den Tod. Sie betete inbrünstig zu Gott, er möge ihr schon jetzt, wo sie noch auf der Höhe ihres Daseins stand, das Leben nehmen, und als sie erkrankte, sagte sie fest und frohen Mutes uns, ihren nahen Freunden, daß nun Gott, der herzensgute Vater, sie erhört hatte. Sie starb in unser aller Gegenwart, am Ausgang des Sabbats, und wir alle beteten still und aufrichtig: Boruch Dajen emes; gelobt sei Gott, der wahrhafte Richter! Es fällt schwer, den kategorischen Imperativ mit Liebe zu verbinden. Besonders ist es schwer, wenn man Frau ist und so dem Gesetze des Frauenschicksals unterliegt. So eine Gitta Abramowna mit dem alten schweren Rabbinerkopf und den seligen Augen einer Taube vermochte nicht den Prinzen zu finden, der dem großen Menschen in ihr gewachsen wäre. Es leben wohl Prinzen auf „Podoll". Allein diese sind dem Gesetze ihres Wachstums unterworfen, und die Schicksale derPodollerPrinzessinnen und Prinzen können nicht, oder noch nicht, einander begegnen. Als der Leusner Rabbi zusammen mit seiner Tochter den Plato studierte und so auch nach dem Verhältnis zwischen Seele und Körper forschte, pflegte er zu sagen: Die Seele verhält sich zum Körper, wie die Thora zum „Oren ha koidesch", zum Schrein, der ihr als Herberge dient. Hat man die Thora dem Schrein entnommen, so bleibt der leere Schrein auch heilig. Auch der Körper ist geheiligt. Wenn aber die Zeit heranrückt, wo Schrein und Thora, Körper und Seele beieinander nicht mehr wohnen können, so opfert eine Prinzessin auf Podoll den geheiligten Leib dem heiligen Seelentum. Im Namen des kategorischen Imperativs, gemäß der Idee vom Menschen, wie er sein soll. — Wenn ich jetzt, da ich diese Erinnerungen zu Papier bringe, mich frage, was geht denn eigentlich vor in jenen Landen der Seligen, was ist es, das uns so seelisch erfrischt, so muß ich nach kurzer Besinnung antworten: