Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 32 (sequence 20)
- Language
- German
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32 Eduard Strauß: in jenen allen Menschen und in den Ereignissen ihres Lebens ist keine tiefe Kluft zwischen dem exoterischen, äußeren und dem esoterischen, inwendigen Dasein wahrzunehmen. Was gestern uns noch vielleicht als Geistesverirrung oder gar als Ausgeburt der menschlichen Sehnsucht erschien, tritt in ein neues Licht. Aehnlich wie in der Kunst, bringt das Volk einen religiösgeistigen Mimus hervor, der sich anschickt, als Abwehrmittel gegen die Irrealität und Nichtigkeit des sogenannten großen Lebens draußen, das von der Geschichte inszeniert wird, zu dienen. Die große Kunst und ihr erhabener Meister Apollo sind der Ohnmacht verfallen, die Krise zerrt sie hinab, und hier ist es der auflösende Gott Dionysos, der sich des Apollo bemächtigt. Wird nun der aufs neue erwachende Dionysos sich die apollinische Kunst des Gestaltens und Bauens aneignen, wird es zur Vermählung beider, wird es in irgend einem Sinn zu einer „Reformation" kommen? Dem unterirdischen Sektenwesen im Russentum, seinem religiös-geistigen Mimus stellt sich die russische Staatsgeschichte, die Revolution entgegen. Anstatt emporzuheben, treibt die Revolution den volkstümlichen Geist in die dunkelsten Schlupfwinkel hinein. Dionysos vermag hier nicht den Apollo zu finden. In der jüdischen Bewegung aber ist es jetzt Apollo, der ein dionysisches Antlitz angenommen hat. Ein apollinischer Mimus ist der jüdische Mimus — eine Erscheinung, die die Welt noch nicht gesehen hat. Es ist ein Geist, der von einer feurigen Seele getragen wird. Solch einen beseelten Geist, wenn auch noch im Kinderzustande, habe ich im Lande jener Seligen wahrgenommen und geschaut. Und dieses ist Lohn genug für die Entbehrungen und Leiden, die das Leben dort verursacht hatte. Es ist mehr als die negativen Erkenntnisse, die der revolutionäre Zusammenbruch uns allen beibrachte. EDUARD STRAUSS / PAULUS, DER BEKEHRER1) Der eine Satz „Ich aber sage euch*' gab das Zeichen lür den Beginn der großen Weltbewegung. Er kennzeichnet die Stellung dessen, der ihn gegen das „Wir aber" des ewigen Volkes sprach. Warum ist dieser Satz Zeichen? Versuchen wir ihn aus der Alltäglichkeit unseres Lebens zu verstehen. Wir sind im Kreise unserer Familie. Wir sprechen zusammen und es liegt in diesem Zusammensein etwas Gemeinsames, ein uns gar nicht weiter bewußter Halt: gemeinsame Wahrheit. Wir vertrauen, ohne daß davon gesprochen wird, auf die Tatsache: „Wir sind zusammen — wir gehören zusammen." Auch in dem Für und Wider der Unterhaltung und dem Austausch der Gedanken und Eindrücke unseres gemeinsamen Tages ist Frag- *) Die zweite der Vorlesungen über das Christentum, deren erste wir im n. Heft des vorigen Jahrgangs veröffentlicht haben, (Anm. d. Red,)