Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 30 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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30 David Koigen: gerannt wurde. Es wurden auch gelehrte Vorträge gehalten, die auf keine unmittelbare religiöse Wirkung eingestellt waren. So berichtete der junge Semitologe B. vom Kiewer archäologischen Institut über die Begegnung hellenistischer und judaistischer Motive im Christentum, der Historiker D. beschäftigte sich mit der großen Rolle der Ideen des ,,Chillul haschem" und ,,Kiddusch haschem", und ein im hebräischen Schrifttum sehr bewanderter Pädagoge L. setzte fachmännisch die Weltanschauung der Propheten und die Ethik im Talmud auseinander. Noch viele andere Fragen, die sich auf die historische, soziale und individuelle Existenz des Menschen in ihrem Zusammenhang mit den religiösen Einstellungen beziehen, riefen heftige Debatten hervor. Aber stets war es eine intim-geistige Atmosphäre, die im Hintergrunde des Ganzen sich ausbreitete und so die Beteiligten unmerklich in ihren Zauberkreis hineinzog. Juden mit Bärten und ohne solche, ehrbare Frauen und strebsame Jugend zögerten stets, wenn es galt, auseinanderzugehen. Für sie war es „Thora", die jetzt wahres Leben zu zeugen begann. Die anderen aber waren erfreut zu erfahren, daß Wissenschaft, anstatt die religiöse Wirklichkeit zu zerstören und so dem Atheismus und der Nihilität Vorschub zu leisten, dazu beiträgt, uns jene aufs neue zu bewurzeln und zu befestigen. Bei unseren Veranstaltungen kam es eher auf ein gemeinsames geistiges Leben, als auf reine Erkenntnisse an. Die Erlebnisse und die Menschen wogen mehr als die Gedankenschöpfungen. Und so traf es sich, daß auch diejenigen, die stumm zuhörten, sich in hohem Grade an dem geistigen Symposion beteiligt fühlten. Nicht alle mehr, die versammelt waren, sind am Leben, und die meisten sind über alle Teile der Erde zerstreut. Unter diesen wahrhaft Stillen hat einer einen grausamen Tod im Dnjestr, auf der Flucht nach Bessarabien gefunden, und unseren großen Freund, die Tochter des Leusner Rabbi, Doktor der Philosophie Gitta Abramowna Kljatzkina haben wir selbst zu Grabe getragen. Gitta Abramowna ist keine alltägliche Erscheinung, auch in der Schicksalsbuntheit des östlichen Judentums. Als junges Mädchen saß sie mit alten Chassidim zur Rechten ihres Vaters, des Leusner Rebbe, der während der kriegsrevolutionären Zeiten dadurch eine Berühmtheit in der Judenheit erlangte, daß er täglich, beim Tagesanbruch laute schonungslose Flüche gegen die „Mörder Israels" ausstieß. Das Städtchen Leusne zitterte vor dem prophetischen Zorn seines Rebben. Und etwas von dieser alttestamentarischen Unduldsamkeit war auch Gitta Abramowna eigen. Sie genoß eine ausgezeichnete Bildung und erinnerte sich des Buches „Sohar" und platonischer Dialoge, die sie hebräisch bereits zusammen mit ihrem Vater, dem Leusner Rabbi, studiert hatte. Gitta, meinte der Rabbi, zählt zu den wenigen unter den Frauen, die würdig seien, in die Geheimnisse der Kabbala und in die erhabene Welt des großen Heiden eingeweiht zu werden. Später, nach vielen Jahren, setzte ihr Professor Herbertz in Bern samt dem Doktorhut einen Lorbeerkranz aufs Haupt, und in der schriftlichen Widmung auf einem Buche des deutschen Lehrers an Gitta Abramowna heißt es: Einer,