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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
29 (sequence 17)
Language
German
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Im Lande der Seligen 29 abgehalten und gegen dreißig Themata behandelt. Wenn man bedenkt, was es zu bedeuten hatte, unter Denikinschem und bolschewistischem Joch im geheimen so oft gegen fünfzig Personen bei sich zu versammeln und auch zu bewirten, so wird man den Eifer verstehen, der in den besseren jüdischen Kreisen Kiews erweckt wurde. Unser glücklichster Gastgeber war aber der phantasiebegabte Ingenieur Efraim Kutzenock, der mit nicht minderem Eifer zurzeit in Palästina Häuser baut. In den Häusern, in denen wir versammelt waren, war nicht immer geheizt, und die Gastfreundlichkeit nahm unvermeidlich ab, bis sie, wie die Temperatur, ganz auf Null sank. Allein wir Kinder Israels sind die trunkensten Söhne Europas und wir berauschten uns an Problemen, die uns als äußerste Realitäten nahe traten. Als wir nachts auseinandergingen und in den dunklen Straßen nach Hause stolperten, ging die Öiskussion weiter. Immer suchte mich mein Nachbar, der eigenartige Bibelkritiker Abraham Kahane, auf Texte aus dem jüdischen Schrifttum aufmerksam zu machen, die diese oder jene Frage beleuchten. Er selber las uns von ihm gesammelte chassidische Legenden vor. (Wie ich höre, liegen diese zurzeit dem hebräisch lesenden Publikum gedruckt vor.) Die von mir in die Debatte geworfenen Probleme der Offenbarung, der menschlichen Religionszeugung, die Tatbestände des Außerordentlichen und Ausschließlichen im Seelenleben samt der Seelenbildung und der Intimitätsreligion, sowie die Fragen der Ethik, der Theologie und des Judaismus fanden im Kreise der Vortragenden lebhaften Widerhall. Einer merkwürdigen Erscheinung, die verdient beachtet zu werden, war ich dabei begegnet. Gerade der „Judaismus" als ethisch-religiöser Gedankenkomplex ruft beim „Ostjuden" das geringste Interesse hervor. „Judaismus" mutet ihn als „westliche" Verstandeskonzeption an. Er spricht und denkt auch nicht gern über Judentum als Ganzes, das Judentum ist ihm etwas Selbstverständliches, und nur die magna ignota Gottes, der Welt, des Menschen überhaupt ergreifen vollständig Besitz von^ihm. Der chassidische Mutwille, falls es nötig wird, im Interesse der Lebenswahrheit mit dem traditionellen Gott selbst in Zweikampf zu treten, ist ihm stets eigen. Er will die eigenen religiösen Erlebnisse, die ihm in Fülle zur Verfügung stehen, mit der großen Wissenschaft in Ausgleich bringen. Und nicht selten wollte es mir scheinen, daß in jenem Kreise ich, in meiner Eigenschaft als „Westler", am ^eisten das Judentum repräsentierte. Ich, der Nicht-Orthodoxe, fand denn auch unter manchen Orthodoxen die größte Anerkennung. Schon die Aufzählung einiger im Kreise behandelter Themen bestätigt meine Auffassung. Gerade der Chassid Sch. verbreitete sich über den Fetischismus in der Kultur, über den Ritus vom Standpunkte der wissenschaftlichen Psychologie oder über das Ungewöhnliche im religiösen Leben als biologisches Phänomen, der Kritiker Baal-Machschowes analysierte die religiösen Motive im neuzeitlichen jüdischen Schrifttum, und gerade der Zionist G. sprach u. a. über die Befreiung der Religion aus der Macht des Nationalismus, über meine tragische Konzeption des Judentums, das zu einem Korreferat Anlaß gab, in dem gerade gegen das Judentum als Konzeption an-

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