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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
28 (sequence 16)
Language
German
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28 David Koigen: des Jahres 1920 vom strengen Winter abgelöst wurde, brachte mir eines Tages eine Deputation des Arbeiterauditoriums einen eisernen Ofen, den sie selber angefertigt hatten, zum Geschenk. Die besonderen Umstände meiner Flucht veranlaßten mich aber bald, (Ten Ofen und diese gemütvollen Kerle selbst zu verlassen, ohne ihnen „Lebewohl" zu sagen. Mögen sie mir meine Unkorrektheit verzeihen, wie ich längst den Machthabern verziehen habe, die mich zu der Notlüge bewogen haben. „Podoll" — im vieldeutigen Sinne dieses Symbols — nahm tatsächlich die Wandlungen, Erschütterungen und Katastrophen in der geschichtlichen Welt wesentlich ruhiger auf, als die anderen, die Gebildeten. Wenn es wahr ist, daß die „historischen" Menschen vollständig in dem Walten und den Kämpfen ihrer Zeit aufgehen und so direkt in keiner Beziehung zu den Tiefen und der Ferne der Kultur und des Lebens stehen — die Historie mißbraucht vielmehr stets die Kultur zu ihren eigennützigen Zwecken —, so zählen „Podoll" und seine unsichtbaren Helden nicht zum historischen Drama. Sie sind es, die eher von einer früheren Zeit Kunde bringen und auch auf die Zeiten, die im Stillen wachsen, uns vorbereiten. „Podoll" mit seinen vielfältigen Ebenen des Daseins bietet in der geschichtlichen Zeit den einzig festen Punkt, wo das Leben wirklich erschaffen und nicht nur nach revolutions-kriegerischer Art erdichtet und gemacht wird. Deshalb empfand ich es denn auch persönlich als eine glückliche Sendung des Schicksals, als Fischel Schneersohn, einer der besten Söhne des „Podoll", ein direkter Nachkomme des chabadistischen Geschlechts Schneersohn, ein Mann, in dem Chassidismus und weltliche Bildung einen geradezu symbolischen Kampf miteinander ausfechten, sich an mich wandte mit der Aufforderung, Kiewer Juden in einem religiösen Bund zu sammeln. Ich widerstrebte mit aller Gewalt solch einer „Mission" und wir kamen endlich dahin überein, religions-philosophische Besprechungen zu veranstalten. Es regnete in Strömen, als wir im entlegenen Winkel der Stadt eine Wirtschaft aufsuchten, wo ich zur Einweihung des Kreises die Rede und S. den Vortrag über religiöse Erneuerung halten sollte. Das Publikum setzte sich zusammen aus etlichen Gebildeten und ein paar Rabbinersöhnen aus dem Podoll. Meine Stimme stockte; ich war nicht zu bewegen, die Rede zu halten. Ich hielt unsere Sache für gescheitert, um so tiefer bewegte es mich, daß S. mit solcher Wärme und Wut gegen die Geistlosen sprach, als ob ihm das „Volk" zuhörte. Die Wände der verlassenen Wirtschaft horchten auf. Mifch durchzuckten Erinnerüngen aus der chassidischen Zeit meiner Jugend, aber der Wille zur philosophischen Wahrheit war stärker. Und mein armer Freund S. mit seinem Missionsdrang wurde in meiner Schlußrede schroff zurückgewiesen. Die Sache, die ich für völlig gescheitert hielt, wurde gerade durch diese lebhafte Auseinandersetzung gerettet. Von nun an waren es Familien, die ihren Wohlstand noch aufrecht erhielten, welche ihre Räumlichkeiten dem religionsphilosophischen Kreis zur Verfügung stellten, und unter meinem Vorsitz allein wurden über vierzig Besprechungen

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