Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 27 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Lande der Seligen 27 funktioneller Abhängigkeit vom Alter. Das Gebäude, das früher als höheres medizinisches Institut diente und jetzt als Stätte der proletarischen Universität galt, war in Dunkel gehüllt, an den Wänden kämpften Schneeflocken und Winde stürmisch miteinander, ohne im Auditorium selbst eine .Gegnerschaft in Gestalt von warmen Öfen zu treffen. Und diesen Naturpassionen zum Trotz begegneten mir fröhliche und lachende Gesichter. Immer, in der Vorhalle schallten aus allen dunklen Ecken meist ukrainische Lieder entgegen. Oft, als ich diese merkwürdige Universität verließ und stolpernd den Berg hinauf in das bessere Stadtviertel kletterte, summte es mir in den Ohren: „Träume, meine Träume, Wie arg ist mir mit euch, Weshalb reimt ihr auf dem Papier Euch in so traurigen Reihen/' Die Jugend merkt nicht die Kälte und stolpert nicht ob der Finsternis, und die staats-kommunistische Knechtung selber empfand sie zuweilen als eine Unvermeidlichkeit des Gefechts, in die ihre Zeit sich stürzte. Das eigene Blut, die zügellose Phantasie und der Mangel an Erfahrung in der großen Welt des Lebens zeichneten ihre eigenen Bilder. Allein als ich vor meinem russischen Arbeiter- und Bauernauditorium, das gleichmäßig blieb und sich noch durch Juden und Ukrainer vermehrt hatte, die „Elemente der Gesellschaftslehre" auseinandersetzend, auf die vielfältigen Beziehungen und Produktionsweisen vom menschlichen Leben und menschlichen Werten hinwies, bekundete auch diese Hörerschaft einen dem arbeitenden Menschen innewohnenden Sinn für die Realitäten des Daseins. Sie waren geradezu ergriffen von dem wirklichen Tatbestand des menschlichen Gemeinwesens und neben der verschiedenartigen Kulturbildungen durch die Geschlechter machte auf sie einen unausbleiblichen Eindruck, daß keine Gesellschaftsordnung, auch die kommunistische nicht, es vermag, auf die Dauer die grundsätzlichen Verhaltungsformen und Willensrichtungen des Menschen zu ignorieren. Der Mensch kann und darf nicht alles, was die Phantasie ihm vorspiegelt — diese Erkenntnis brachten sie aus ihrem eigenen engen Leben mit; aber daß auch die Gesellschaft im ganzen samt ihrem Staate es nicht darf und nicht vermag und daß dieser Mangel im Können oft gerade uns zur Freiheit gereiche — der Gedanke der gesetzmäßigen Bedingtheit und des rythmischen Ablaufs des gemeinsamen Lebensgeschäfts wollte ihnen fast den Atem rauben. Allmählich schwangen sie sich zur Erkenntnis auf, daß wissenschaftliche Arbeit gleich allen anderen fruchttragenden Tätigkeitsarten, gleich dem von ihnen selbst geübten Handwerk eine bitter ernste Sache ist, die man zu respektieren hat. Ich war völlig unglücklich, als ich ihnen zum erstenmal die Elemente der Klassifikation von Erscheinungen beizubringen suchte, um ihnen alsdann das Gefüge des wissenschaftlichen Tuns vor Augen zu führen. Nach einem halben Jahre des gemeinsamen Zusammendenkens und Lebens fiel es mir seelisch schwer, mich von jenen prachtvollen Menschen zu trennen. Als es wieder kalt wurde, und der Sommer