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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
26 (sequence 14)
Language
German
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David Koigen: Tom königlichen Traum des homo europaeus, des Menschen schlechthin, umwoben werden, schaukelt und trägt des Rebben Nigen fort und empor. Wir, die Kinder Israels, sind noch immer, der Vernunft- und Verstandeskultur, die man uns vorwirft, zum Trotz — wir sind die trunkensten Söhne des heutigen Europas und der Welt, die von ihrem Geiste lebt. Ich war der einzige auf Podoll, der aus einer fremden Welt kommend und in einer fremden Sprache einem bunten Auditorium (im Rahmen der hebräischen Kurse, die einmal als pädagogische Hochschule auftreten sollten) über die Anfangsgründe der Moral- und Kulturbildungen vortrug. Im Nu sammelten sich Frauen und Männer, Mädchen und Jünglinge, die aus dem Markt, dem Geschäft und der Werkstatt herbeigeeilt, mit Eifer und Inbrunst der „weltlichen Wissenschaft" zuhörten. Wenn man bedenkt, wie schwer es zu jener Zeit auf Podoll war, um Licht und Futter zu kämpfen und angesichts der bolschewistischen und ukrainischen Skythen das Dasein zu fristen, wird man verstehen, was es zu bedeuten hatte, am hellen Tage das Geschäft zu unterbrechen und ins Auditorium zu eilen. Ich fand dort keinen, der dem Vorurteil mancher führenden Hebräer von heute fröhnte, die volle Weisheit sei längst von unseren Alten gewußt und erkannt. Das Auditorium bekundete vielmehr einen starken Sinn für die Realität der modernen wissenschaftlichen Welt, und nie werde ich den Eindruck vergessen, den meine Ausführungen über den logischen Bau des Wissens und über den Aufbau der Kultur, wie er von der Wissenschaft des siebzehnten Jahrhunderts hervorgezaubert wurde, auf meine Zuhörer machte. Ein früherer orthodoxer Rabbiner, der jetzt mit Erfolg sein geistliches Amt mit einem Geschäft vertauscht hatte, rückte stets während der Vorlesungen dicht an mich heran und nickte würdevoll zu meinen Ausführungen mit dem Kopf. Es schien ihm unbequem, zusammen mit Frauen, Fräuleins und auch Studenten auf einer Bank zu sitzen, verächtlich schaute er sich um, bis es ihm geglückt war, sich im Bereich der Wissenschaft behaglich einzuquartieren. Und nun' arbeitete und hämmerte es hinter der geistig ausgearbeiteten Stirn und ich war mir bewußt, daß ein Leidensgenosse und strenger Kritiker mir zur Seite sitzt. Wenn nur einmal der Rabbi auf Podoll, den die Revolution dem Geschäft zuführte, sich unserer Wissenschaft annehmen wollte! Es würden dann sicherlich manche Klagen über ihren nahen Untergang verstummen und sie würde auch an lebendiger Realität gewinnen. Der Sinn für die weite, unfaßbare Realität ist ein großes Gut, das die Kleinen und Seligen im Lande überall mit sich herumtragen, und es fehlt nur das Denken, das ihr einen sichtbaren Rahmen zu geben vermochre. Die Zeitumstände brachten mich auch in die vom Sowjetstaat aufgerichtete Volkshochschule, „Arbeiter- und Bauernuniversität" genannt. Abermals ein starker Sinn für Realitätsgewalten, und wieder eine ganz andere Luft, als Menschen meiner Generation sie zu atmen vermögen. Am Ende — so dachte ich oft beim Leben und Treiben, denen sich dort russische, ukrainische und jüdische Zuhörer hingaben — steht die Revolutionsauffassung in

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