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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
25 (sequence 13)
Language
German
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Im Lande der Seligen 25 Seine Getreuen unter der Börsenschar reisen im Lande herum und werben für sein Werk „jidische Neschumelech", mitunter überreden sie, ohne Wissen der Eltern, Kinder und junge Leute, in die von Ulke geführte Legion der Streiter für Moral und Religion zu treten. Man murmelt auch unter den Juden: die Offiziere des Feldherrn Ulke „stehlen" jüdische Kinder, die aber, von Zauber des Führers berauscht, von ihm nun nicht lassen wollen. In der Folge suchen die Eltern ihre gestohlenen Kinder auf, und nach kurzem Hin- und Herspekulieren danken sie Ulke für seine hohe Kunst. Und der Feldherr und Börsenkönig Ulke, im alten durchlöcherten Kaftan und den ausgetretenen Stiefeln, reibt sich die Hände vor Freude, läuft im Beshamidrasch auf und ab und schreit in die Luft hinein. ,,Jidische Neschumelech", gerettete jüdische Seelen. An solchen Tagen heißt es im ausgegebenen Kurszettel: an der Börse war heute eine förmliche Hausse. Podoll ist ein merkwürdiger Wetterwinkel und allenthalben, wo jüdische Massen hausen, breitet sich ein unendlich graues, äußerlich trostloses „Podoll" aus, das stets von irgendeinem „Dnjepr" umspült wird. Die Wandlung des Individuums zu einem Menschen, die Verklärung der Massen zu einem Volk nimmt hier nie ein Ende. Das ewige Wandern bei einer starken, beinahe metaphysischen Liebe zur Seßhaftigkeit bringt unaufhörliche Bewegung in dieses Werden des Menschen und des Volkes. Die körperliche und geistige Erneuerung ist hier unendlich reich an Variationen und will gar kein Ende nehmen. Es leuchtet fortwährend auf im Wetterwinkel Podoll, und diejenigen seiner Söhne, die ihm frühzeitig den Rücken gekehrt haben und in der großen Welt sich aus Schwarzmann in Tschernyi, aus Steckelmann in Stockmann gewandelt haben — schauen sie zurück, vom Berge oben, auf dem das Kloster Petscherskaja Lawra gelegen ist, so haben sie immer ein Defizit an Seele und Geist zu verzeichnen. Als entleerte Nihilisten, die sich an das Nichts fremdartiger Mythologie klammern, schauen sie in das verlassene, von lebendigen Wässern umspülte Tal zurück. Es leuchtet wieder einmal im sonderbaren Wetterwinkel grell auf. Von geistigen Extremisten und Extremisten der geistlosen Tat und solchen, die in der widerwärtigen Spekulation des Lebens doch den Säbbat der Seele bewahrt haben, wimmelt es auf dem Podoll. Zurzeit haben sich dort auch Zaddikim und Chassidim aus den zerstörten Städtchen, Epigonen einer einst großen Generation, versammelt, und der unerträglichen Misere des Daseins zum Trotz sagt noch oft der „Rebbeu/Chsides vor und die Chassidim, vom „Rebbens Nigen" (der besonderen Melodie des Zaddiks) in Erregung versetzt, stürzen sich am Ausgange des Sabbats in den Wirbel des religiösen Tanzes. Der Sabbat ist auf Podoll noch mit den Händen zu greifen, und es wird einem traurig zu Mute, wenn das Licht am Himmel angesteckt wird und der Sabbat so feierlich seinen Auszug hält. Der graue Alltag ergreift nun Besitz von der jüdischen Seele, die nur noch das wehmütig flatternde und in die Höhen steigende Lied des Rebbens Nigen leise durchzittert. Und uns alle, Kinder der Welt, sei es, daß wir am Werke des Geistes oder am Bau der Wirtschaft zimmern, sei es, daß wir den Kampf ums Dasein führen oder

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