Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
24 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101191-3107643--5739-3107681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

24 David Koigen: sich dem nicht in den Weg stellen würde. Da wir aber das Unglück haben, unter den Räteleuten auch jüdische Kommunisten zu zählen, so wurde dieser Plan vereitelt. Ich kenne keine ärgeren Feinde des Hebräischen und überhaupt jüdischen Bildungswesens als gerade diese Sorte von jüdischen Jünglingen. Unter allen Juden gehören sie zu denen, die am meisten auf eine Ideologie schwören,, aus rein partei-ideologischen Motiven heraus denken und handeln. Und diese ihre äußerst abstrakte Einstellung prädestiniert sie begreiflicherweise zu schonungslosem und grausamem Verfahren. Die bekannte Grausamkeit aller Ideologen stürzte sich, mit voller Wucht, gerade auf die Verfechter des hebräischen Bildungswesens, die trotzdem im geheimen mit unerschrockener Opferwilligkeit Kurse und Schulen unterhielten. Rechneten die „Gebildeten" unter den Verfechtern des jüdisch-hebräischen Bildungswesens mit der bolschewistischen Gefahr, so begegneten die anderen, die noch um das „Beshamidrasch" (freies Synagogenhaus) sich sammelten, all jenen Bildungsverordnungen der Sowjetleute mit voller Verachtung und Geringschätzung. Ich sah selber viele ausgehungerte, blasse Jünglinge, die mit leuchtendem Auge sich der autochthonen Mussarbewegung (einer Art ethischen Bewegung, einst von R. Israel Salanter in Kowno eingeleitet) hingaben. Sie soll sich über alle Städtchen verbreitet haben und es kam sogar dazu, daß ihre freiwilligen Leiter frühere Zöglinge der Jeschiboth und der Bathehamidrasch, von keinem angestellt oder besoldet, eine allgemeine Tagung in der Stadt Hornel abhielten. Ich vermag auch jetzt nicht ohne tiefe Erregung an die spontan entstandene Mussarbewegung zu denken. Kinder und Jünglinge scharen sich freiwillig um ihre Lehrer, die ihnen außer Thora und Talmud vor allem die Regeln religiöser Moral beizubringen trachten. Die Kinder üben sich in moralischer Askese, und in ihren Sitzungen, die sie scherzhaft die Börse nennen, suchen sie die während des Tages von ihnen erfüllten Tugenden und begangenen Sünden abzuwägen und abzuschätzen. Eine Börse, wo über moralische Werte lebhaft debattiert und moralische „Kurszettel" ausgestellt werden! Es kommt hier auch zu einer „Hausse". Wie man sieht, wieder einmal jüdische Börsenleute, die aber, wie es mich dünken will, die Börsenleute von Amsterdam und Berlin, London und Paris aufwiegen. Der Pädagoge Ulke — so heißt wie mir ein Freund erzählte — der 25—26 jährige „Führer" und moralische „Börsenkönig" im Städtchen K. — war ein hoher, magerer und schlanker Bursche, der im Beshamidrasch Tage und Nächte verbringt, einmal am Tag ein Mahl zu sich nimmt, das ihm gerade die dankbaren Eltern anbieten — er, wie viele seine Schüler, wie die anderen Börsenspekulanten „essen auf Täg" — und in himmlische Freude gerät, wenn es ihm gelingt, neue „jidische Neschumelech" („jüdische Seelchen") in seinen Kreis zu ziehen. Illke kümmert sich weder um die strengen Aufseher der „revolutionären Ordnung", noch fragt er nach Lohn und Tarifen. Die Moralbörse, wie sie die Mussarbewegung aufrichtet, ist die einzige Instanz, die über die wahrhafte Größe und die großen Sünden des Pädagogen Illke ein Urteil zu sprechen vermag. Auch Sünden zählt Illke in seinem Register.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.