Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Lande der Seligen *3 möglich war — auf dem Podoll und agitierte eifrig samt der übrigen Judenheit gegen die armen Tiere des breiten Djajeprs. Man sagte jenen Geschöpfen nach, daß sie von unschuldigem jüdischen Blute völlig rot und betrunken seien, und kein Israelit von Kiew vermochte es, an den nun herannahenden großen Feiertagen Fische zu genießen. Der Rabbine'r führte einen Kampf gegen diesen neuesten „Aberglauben", allein die Bauern, die Fische in Fülle zu jener Zeit auf den Markt brachten, kehrten unverrichteter Dinge heim. Wenn man bedenkt, was es rein rituell für einen Ukrainer Juden zu bedeuten hat, auf den Genuß von Fischen gerade an jenen Feiertagen zu verzichten, so begreift man die Macht der gräßlichen Mär, in der sich Dichtung und Wahrheit zusammengefunden haben. Ich persönlich litt von nun an eine Zeit lang an Idiosynkrasie gegenüber allen Fischgerichten. Die Juden auf Podoll haben es mir sicherlich angetan, und noch manche andere seelenvolle Schmerzen und ebensolche Freuden haben sie mir zugefügt. Wer den Podoll, den untersten Teil von Kiew, der dicht am Dnjepr liegt, nicht in Betracht zieht, wird den ukrainischen Juden kaum verstehen. In den Vorkriegszeiten zählte es vornehmlich zum jüdischen Ansiedlungsrayon. Und in diesem Ghetto hat sich denn auch das Drama des armen Beilis abgespielt. Während der Pogrombewegung, die so viele jüdische Städtchen vernichtet und in Brand gesteckt hat, sammelten sich hier unzählige Gemeinden mit ihren Rabbinern und Zaddikim, ihren sehnsuchtsvoll schönen Töchterlein und den bolschewistisch angehauchten Söhnen. Dieser kräftige Stamm saß fest in den winzigen Städtchen und stampfte während des Krieges eine reiche Industrie aus dem Böden empor. Als die Großindustrie des Landes in den Dienst des Krieges gestellt wurde, bauten die Juden des Städtchens Seifen- und Kerzenfabriken, Mühlen und hundert andere Werkstätten auf. Selbst der Textilindustrie, die nie zuvor ihren Fuß auf ukrainischen Boden gesetzt hatte, suchten Lodzer und Bjalistoker Juden, durch den Krieg hierher als Flüchtlinge, meistens zwangsweise versprengt, zum Leben zu verhelfen. Und dies alles bauten Juden mit eigenen Händen, ohne sich außer jüdischer Arbeitskraft zu bedienen. Es gereichte der Bauernschaft zum Nutzen; und die Söhne dieser Bauernschaft, von den Atamans und Banditenführern großrussischer und ukrainischer Prägung dazu verleitet, machten alle diese Schöpfungen menschlichen Eifers und menschlicher Energie schonungslos zunichte. In ihrem militärisch-banditenhaften Übermut zerstörten diese Skythen nicht nur hunderttausende von Menschenleben, sondern auch die Dinge und Werte, die von jenen geschaffen worden waren. Denen es gelungen war, sich zu retten, strömten in Scharen in die Großstadt und vor allem nach Podoll in die Stadt Kiew, die sich einst stolz und feierlich die „Mutter der russischen Städte" nennen ließ. Mich führten meine Wege schon früher nach Podoll. Ein an der Förderung hebräischer Kultur interessierter Kreis veranstaltete dort nämlich Kurse aus verschiedenen Wissensgebieten. Es sollte daraus eine pädagogische Hochschule hervorwachsen, vorausgesetzt, daß die Rätemacht