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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
22 (sequence 10)
Language
German
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22 David Koigen: sprunghafte Tatvollzug des heutigen Daseins hat bloß längst schlummernde religiöse Kräfte hie und da aufs neue erweckt, hat aber, wie allenthalben im modernen Europa, die Geburt von Mythen, Legenden unmittelbar befruchtet. Der Zusammenhang mit der unsichtbaren Welt der Verstorbenen wurde enger empfunden, und selbst die leblosen Dinge haben zu sprechen begonnen. Wie überall im erschütterten Europa hielten der Animismus und Fetischismus Einzug in die Seelen, ohne damit der religiösen Intimität, der Neuschöpfung der Seele direkt zum Leben zu verhelfen. Nicht nur der erhitzte Kopf des Russen wohnte der Geburt des leibhaftigen Teufels bei, führte Zwiegespräche mit Nikolaus dem Wundertäter (einem Heiligen der orthodoxen Kirche) und verfolgte das Gebaren der Kirchenbilder und Kreuze; auch das mythenbildende Wesen des ukrainischen Juden hat zu spuken begonnen. Als die kriegs-kommunistische Knechtung unerträglich wurde, offenbarte sich dem „Schames"(Synagogendiener) derBerditschewer „Schul" der große Ruw. Nachts wurde der Schames vom längst Dahingegangenen geweckt. Es wurde ihm befohlen, die Kerzen vor dem heiligen Schrein in der Synagoge anzustecken. Und er sah, wie der große Berditschewer, in „Tales" und „Tfilin" gekleidet, inbrünstige Gebete verrichtete. Stets nach solcher Erscheinung pflegte irgend eine, in der Ukraine die Staatsgewalt ausübende Macht abzurücken. Der „Ruw" verkündete den nahen Fall des jeweiligen politischen Peinigers. Podoller (Podoll ein Judenviertel in Kiew) Juden erzählten es mir denn auch. Noch vieles andere teilten sie mir mit. So ist beim Ausbruch der entsetzlichen Pogrombewegung die Stadt Bar im Gouv. Podolien immer verschont geblieben. Und dies geschah, weil vor vielen Jähren ein Zaddik — der mir mit Namen genannt wurde — in Bar ansässig war. Es traf sich, daß dieser Barer Zaddik auf Reisen und erst spät nachts am Freitag, als die Judenheit bereits die Braut Sabbath feierlich empfangen hatte, nach Bar angelangt war. Unbeschreibliche Trauer bemächtigte sich des Barer Zaddiks. Er lud ja eine große Sünde auf seine bis dahin unbefleckte Seele. Als Kompensation für diesen Schmerz, der ihm zugefügt wurde, gab ihm Gott die Macht, für ewige Zeiten die Pogromschmach von der geliebten Stadt Bar fernzuhalten. Banditen aller Heere und Völkerschaften kamen und gingen, aber Bar blieb verschont. Direkten Anlaß zu einer Legende, gar gräßlich für das Ohr, gab ein Banditenüberfall im Frühling 1919 unserer Zeitrechnung auf ein mit jüdischen Flüchtlingen beladenes Schiff. Unweit von Kiew, am Dnjepr schlachteten Petljuraleute in der Tat mehrere jüdische Familien barbarisch ab und manchen warfen sie auch lebendig ins Wasser. So der wahre Tatbestand; und nun die Legende und ihre Folgen. Die Podoller Judenheit gaben vor, mit Augen wahrgenommen zu haben, daß die Wasser des Dnjepr von jüdischem Blut gerötet wurden. Ein „Schoichet" aus dem Podoll, der sich auf dem verhängnisvollen Schiff befand, soll gleich dem Propheten Jona von einem gewaltig großen Fisch verschlungen und nachher ausgespien worden sein. Der also gemarterte und gerettete Schoichet lebte aber friedlich — wie es eben zu jener Zeit in der Hauptstadt der Ukraine

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