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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
21 (sequence 9)
Language
German
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Im Lande der Seligen 21 gab, so war darin ein Moment der leisen Ironie nicht zu verkennen. Liebe, Trank, Gesang, Tanz sind ihm, wie er sich selbst auszudrücken pflegt, nur Mittel, um den Geist „aufzupeitschen", t— „aufgepeitscht", angespornt will ständig der Geist sein — allein der wirkliche Rausch gilt dem Geiste selbst, wie er im Zaddik tatsächlich verkörpert ist. Ein sog. objektiver, unpersönlicher, des lebendigen auserlesenen Menschen entkleideter Geist ist ein Schemen und Unding, zu dem er kein Verhältnis zu fassen vermag. Unaussprechliche Sehnsucht nach dem großen göttlichen Menschen durchströmt sein ganzes Wesen. Und dieser außerordentliche Zentralmensch braucht nicht gerade mit Würden und Titeln behängt und mit Wissen gefüllt zu sein. Der schlichte Mann aus dem Volke ist es oft. ohne es zu wissen, Und er vermag zu binden und zu lösen. Das große Geheimnis tut sich bereits in unserem Leben auf, das von Offenbarungen und Wundern voll ist. Selbst die Spötter und Verächter des Chassids vermögen nicht ihm seine himmlischen Eigenschaften abzusprechen: Weßt ihr wus der Rebbe tit As er sugt Chsides x)? Zim Himmel fligt er in a.Minit Und eßt dort Scholoschides2). Die Volksbewegung des Chassidismus vermochte sich nicht zu einer allgemeinen Reformationsbewegung im Judentum emporzuarbeiten und doch unterliegt es keinem Zweifel, daß die durch ihn verursachte Erneuerung der menschlichen Wesenheit, der Judenheit und der Welt mehr zunutze' kam, als die Haskala mit ihrem Assimilationseffekt und den zivilisatorischtechnischen Talenten. Unmittelbar an dem Chassidismus entwickelten sich starke Ansätze zu einer jüdischen Musik, Malerei und Literatur und vor allem eine Seele: eine freie, sehnsuchtsvolle und starke Seele feierte ihre Auferstehung. Und jetzt darf man es schon offen aussprechen: in dem Ringen der Haskala mit dem Chassidismus, hat dieser, wenn auch indirekt, den Sieg davon getragen; es gilt nun es dazu zu bringen, daß überall in der Völkerwelt der geschäftige Verstandesjude aufhört, als rechtmäßiger Repräsentant des jüdischen Volkstums zu gelten. Es kam im Ostjudentum, wie auch im Russentum, zu keiner Reformation im Sinne der offiziellen Historie. Aber der Drang dazu ist auch jetzt vorhanden und kann sehr leicht geweckt werden. Selbst bei den Gebildeten ist er lebendig. Die Aufklärung samt der Wissenschaft hat keine Führerrolle im Dasein des Einzeihen mehr inne, sie ist zu einer äußeren Methode, mit deren Hilfe man bloß das Lebensgeschäft bequem auszurichten vermag, herabgesetzt worden. Allein das Suchen nach einer äußerst realen, konkretreligiösen Wirklichkeit — wo es sich auch geltend macht — ist keineswegs als Folge der kriegs-revolutionären Erschütterung zu bewerten. Der *) Wenn er chassidische Lehrworte spricht. 2) Das heilige dritte Sabbatmahl.

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