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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
18 (sequence 6)
Language
German
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iS David Kotgen: Jünglinge, die sich bei der freiwilligen Armee meldeten, traten in Scharen nach den Pogroms zu den Roten über, um damit Rache zu nehmen für das geschändete Blut ihrer Mütter und Schwestern. Die Gebildeten, die Bourgeois, die „Klerikalen" blieben auch fortan ausgesprochene Antibolschewisten. Und ich selber sah ehrbare Israeliten, die den tapferen Burschen zuriefen: „Von euch, ihr Satanskinder, wollen wir nicht einmal geschützt werden. Lieber den Tod, als solche Beschützer!" Ein alter Jude, dem Berufe nach ein Trödler, der während der Bolschewistenherrschaft mit seinen Söhnen in unserem Haus zwangsweise einquartiert wurde, bekundete eine andere Gesinnung. Als ich ihm in meinem Charakter als Vorsitzender des Mieterrates verboten hatte, fremde Gegenstände zu veräußern, schrie er mich an: „Was, die ,Medine* (der Staat) hat mir dieses alles geschenkt für die drei Söhne, Adie in der roten Armee gegen die Pogrommacher gekämpft haben (einer war dabei auch gefallen). Was gehen mich nun die Besitzrechte der ,Burzuji* an?" Es genügte aber meinerseits die Erinnerung, daß Juden wohl zu allen Zeiten von Pogromen gelitten haben, aber meines Wissens noch nie einen Pogrom veranstaltet haben, um den Alten zu veranlassen, alle Gegenstände, die er entwendet hatte, bis aufs kleinste zurückzuerstatten. Er bot denn in der Folge auf den Straßen Rauchkräuter feil und stets, bei jeder Begegnung, zwang er mich eine Zigarette zu nehmen, wobei er, strahlend vor Freude hinzufügte: „Sie haben es gut gesagt, ich sage es allen jetzt weiter: Juden leiden vonPogromen, aber veranstalten nie selbst Pogrome." Er winkte mir dann schelmisch zu: „Der Pogrom ist keine jüdische Beschäftigung, es ist nur ein jüdisches Unglück." — Nachträglich, als die Bolschewisten aufs neue fest im Sattel saßen, hielt es der Alte mit der „Medine" und den aufs neue entwendeten Gegenständen. Allbekannte Dialektik der menschlichen Komödie. Der „Jude" sieht in Wahrheit anders aus, als wie er im Buche der Antisemiten und auch der — Assimilatoren steht. Er ist durchaus kein Riesengeschöpf mit den Anwandlungen eines gewalttätigen Übermenschen. Nur ist seine Erlebniswelt größer und tiefer, als sein Tun und Handeln. Verstümmelt, wie er nun einmal ist, macht er bei jeder Lebensäußerung größere Anstrengungen, als man sonst gewohnt ist zu tun. Wie bei^ dem sich in Bewegung setzenden Krüppel, haben die Anstrengungen bei ihm ein verhältnismäßig tieferes Erlebnis zur Folge. Bei ähnlichem Tun und Lassen erlebt tatsächlich der historisch verkrüppelte Jude mehr und anderes als der Nichtjude. Und insbesondere ist es dort der Fall, wo der total-historische Wirkungszusammenhang in Abnahme geraten ist und wo also der Einzelne genötigt ist, aus sich einen totalen Lebensinhalt herauszuarbeiten. Die innere Geschichte ist hier berufen, die fehlende äußere, kollektive zu ersetzen. Und wo ist dieses noch im selben Grade der Fall wie gerade bei der Masse des Ostjudentums! Wo der Bruch mit der Geschichte des eigenen Stammes oder Staates sich ereignet hat oder wo noch kein Zusammenschluß mit irgendeiner großen nationalen Geschichte vollzogen ist, dort steht sicherlich der Böden

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