Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 17 (sequence 5)
- Language
- German
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Im Lande der Seligen 17 pflegt* Es sind wohl verhältnismäßig mehrere Wirkungseinheiten oder -zusammenhänge, denen der jüdische Mensch im tagtäglichen Wandel zugeordnet ist, allein der Radius des totalen Wirkungszusammenhanges ist enger bemessen, als beim Nichtjuden. Ihm fehlt der reale Boden einer eigenen Geschichtsbildung. Was dem anderen die Geschichte umsonst gewährt, dies muß er täglich aufs neue aktiv sich erobern. In vielfachen verschiedenartigen Wirkungszusammenhängen muß er es tun. Er leidet daher an allzu starker Sensibilität. Während jener erst durch verhältnismäßig große Ereignisse zum Handeln erweckt wird, reagiert dieser stürmisch auf jedes noch so winzige Geschehnis. Indem er nun aber auf solche „übernatürliche" Weise seine Lebenstat vollzieht, wandelt er sich selbst in den Augen des Nichtjuden zu einem übergroßen Ereignis, auf das auch ein sensibel schwach begabtes Wesen stürmisch zu reagieren beginnt. Der Jude ist und bleibt das große Ereignis für den Nichtjuden und insbesondere ist er es für ihn in den „historischen Zeiten", wo er meistens vom Zentrum aus, auf Befehl der eigenen Staats- und Volksgeschichte handelt, wo er also an den Bau oder Wiederaufbau eines totalen historischen Wirkungszusammenhanges herantritt. Wo daher die Völker „Geschichte" machen, dort ist die Gegnerschaft dem Judentum gegenüber am stärksten, mit dem Unterschiede jedoch, daß die wenig Zivilisierten einen Pogrom inszenieren, die mäßig Zivilisierten zum Boykott schreiten und die sogenannten Höheren zu geistiger Vergiftung ihre Zuflucht nehmen. Die ukrainischen Juden — zwei Jahre hindurch teilte ich mit ihnen ein gemeinsames Schicksal — fielen unter das Lebensgesetz eines unzivilisierten Volkes, das nun erst um ein eigenes geschichtliches Zentrum zu kämpfen hat. Die Angriffe wurden unvermeidlich, und die Juden wurden je nach Zeit und Ort geschlagen, geplündert und gemordet, nach- und nebeneinander als Juden, als Ukrainer, als Bolschewisten und gar als Großrussen. Für eine jegliche Geschichte der verschiedenartigen Geschichtserzeuger mußte der Jude die Zeche, mit bezahlen. Er war und blieb ja stets das fremdartige große Ereignis, auf das auch der an schwacher Sensibilität Leidende stürmisch reagierte. Das arme, gemarterte Menschenkind, dem die Welt das gelbe Kainzeichen: „Jud!" an die Schulter anheftete, ist bei weitem nicht das Riesengeschöpf, als das es fremde Augen zu sehen vorgeben. In seinem Tun und Lassen ist es so verschieden, wie es die Wirkungszusammenhänge sind, denen es zugeordnet ist. Sein Gleichheitssinn ist mehr negativer Natur, verursacht durch die Gegnerschaft, den Haß und das Mißverhältnis der großen Welt. Der eigene positive total-historische Wirkungszusammenhang fehlt, ist vielfach in Brüche gegangen, muß erst aufs neue aufgerichtet werden. Mit eigenen Augen sah ich denn, wie der Sowjetjude, meistens ein halbgebildeter, dem kleinen Städtchen des früheren Ansiedlungsrayons entlaufener Bursche, den Gebildeten, „Klerikalen" und „Bourgeois" unter den eigenen Juden verfolgte; ich sah aber auch, wie nach den Pogromtaten der freiwilligen Armee seligen Angedenkens dieser Bursche stramm zu Pferde saß und voll Opfermut gegen den Feind ins Feld zog. Manche jüdisch^ Heft 1. 2