Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Lande der Seligen 19 bereit für inwendig-schöpferische Volksbewegungen. Die Reformationsbewegung vor der Reformation am Ausgange des europäischen Mittelalters in den germanischen Landen deutet nicht in geringerem Maße auf den Bruch mit einer Geschichte oder auf das Streben zu einer solchen neuen Art, als das russische Sektenwesen. Die Armen und Stillen im Lande sind es immer, die zuerst die Losung ausgeben: „Los von Rom" los von Kirche oder Staat, los von der Gewalt einer aufgezwungenen Geschichte. Und nach dem vollzogenen Ausgange irren sie lange in der Finsternis herum, bis es gelingt, eine neue Erde zu erreichen. Um Wirkungseinheiten oder -zusammenhänge, die wenigstens einen Teil der Daseinslast zu tragen hätten, ist es immer den Menschen zu tun. Man verschmäht die alte zwangsmäßige Schicksalsgemeinschaft und Geschichte, um desto inniger sich einem freieren, neugearteteren Zusammenschluß hinzugeben. Und bis dieser gestiftet ist, irrt man umher und sucht das Licht in der Finsternis. Solch ein Licht ging auch dem europäischen Ostjudentum im achtzehnten Jahrhundert auf, und mir war es auch in meiner Jugend beschert, noch Schatten wahrzunehmen, die es warf. Ich habe den Chassidismus und den Chabadismus im Auge, die während der letzten zwei Jahrhunderte die Seelen Verfassung der jüdischen Massen von Grund aus erneuerten. Angefangen hat die Bewegung mit dem Pseudomessias Sabbatai Zwi. Er und die Seinen schickten sich an, Jerusalem aufs neue zu erobern. Das historische Unternehmen scheiterte, und „Jerusalem" wurde in der Seele eines jeden Juden, des gemeinen Mannes aus dem Volke aufgepflanzt. Die rasche Verbreitung des Chassidismus, der neue Sitten, ein neugeartetes Verhalten zu Gott und Mensch bekundete, ist ein Bpweis dafür, daß die Sabbatai-Zwi- Bewegung nur ein äußerer Vorwand für eine tief grabende inwendige Volksbewegung war. Der Chassidismus bedeutet denn auch eher einen Kampf gegen die hergebrachten historisch-politischen Ideale des Judentums, als ein Streben nach ihnen. Die lebendig gewordene religiöse Wirklichkeit war hier berufen, die schlechte politisch-historische und auch rationell gebundene Ordnung der Dinge vollauf zu ersetzen. Die Massen scharten sich um ihre auserwählten „Zaddikim" („Gerechte"), die die Gottesnähe als Gottähnlichkeit zu erleben begannen. Den Zaddikim war die Macht gegeben, zu binden und zu lösen, und die Gemeinde war berauscht von dem Dasein, das jetzt frei und sicher, als unausgesetztes Wunder sich offenbarte. Das Geheimnis wurde zum Nährboden des Lebens, und das Wunder wurde sein Meister. Und wo das Wunder versagte, dort gerieten die Gemeinde und der Einzelne in Aufruhr, und in ihrem Namen forderte der Gerechte die Majestät der Gottheit zum Zweikampf heraus. Wie in alten biblischen Zeiten wähnte man, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, und Stolz und Demut, Sicherheit und Freiheit bemächtigten sich der Seele. Noch jetzt wahren fromme Seelen in der Ukraine Mythen und Legenden in Fülle, die auf die göttliche Trunkenheit jener Generationen, auf ihr würdevolles Ringen mit der Gottheit hindeuten. Der „Berditschewer Ruw", 2*