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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
16 (sequence 4)
Language
German
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i6 DavTd Koigen: gesehen; an anderen Orten hätten die Gottesmutter und mancher Heilige das Gesicht gegen die Wand gerichtet, um nur den Schmutz und das Elend nicht mit anzuschauen. In einer großen Stadt dös Südens führten wochenlang die Thora und das Kreuz einen regelrechten Kampf miteinander. Heute in der Nacht fiel die Thora in der benachbarten Synagoge zu Boden und lag in Fetzen darnieder, während das Kreuz "auf dem Kirchendach, nicht von Menschenhand aufs neue vergoldet, in Schein und Glanz leuchtete —- und morgen wieder ist das Kreuz verblaßt, die Gesichter der Heiligen blicken finster drein und die Thora hat abermals ihren würdevollen Platz im Allerheiligsten inne. Die Vorstellungswelt der heiligen Schrift, der nebelnde Geist der Kirche geht mit den Kleinen um, die Revolution der Güter, des Besitzes, der Macht und des Rechts findet keinen Eingang in die Welt der seelenvollen Mythen. Man gibt sich immer noch dem Staunen hin ob dem Judenhaß, von dem die Erschütterungen des Russenreiches begleitet werden. Manche Revolutionäre — gerade die Ehrlichen unter ihnen — falten krampfhaft die Hände zusammen und klagen die Massen des Antisemitismus an. Seien denn jene wirklich mit Blindheit geschlagen, sähen sie denn nicht, daß auch zurzeit kein einziger Jude den Grund und Boden, dieses höchste Gut des Muschik, sein Eigen zu nennen vermag, seien sie denn nicht den „Bourgeois**, den gebildeten und wohlhabenden Juden begegnet, wie sie in Scharen das Land verlassen, und hätten sie denn nicht selber Schulter an Schulter mit jüdischen Proletariern an den konterrevolutionären Fronten gegen die „Großgrundbesitzer und schwarz-weißen Generäle" dengemeinsamen Kampf ausgefochten? Was für Teufel führten die Massen im Kreise herum und blendeten ihren Blick für Freund und Feind? Vergebens warten die Revolutionäre auf Antwort. Die Vorstellungen aus ihrem eigenen Gedankertarsenal vermögen sie kaum zu erteilen. „Jude" ist für den Bauern, für die gesamte in kirchlich-christlichen Begriffen denkende Welt keineswegs den Bezeichnungen: Pole, Deutscher oder Franzose gleich. Der Jude malt sich in diesem Kopfe nicht nur als der oder jener konkrete Mensch ab. Er bedeutet den Repräsentanten und Träger einer entgegengesetzten Partei im Himmelreich, im Universum schlechthin. Und eine jegliche Äußerung oder Handlung des Juden bewertet der Bauer also nach den Maßstäben jener höheren Parteistellung. Dem Nichtjuden ist der Jude bedeutend mehr Jude, als dieser es sich selber ist. Er, der Christ, handle und lebe, wie ein schwacher, gebrechlicher Mensch zu leben gewohnt sei. Er sei ja nur ein von einem Weibe geborenes sterbliches Wesen. Der Erlöser stehe ihm bei! Vom Juden aber verlangt er ein Leben und Handeln „über die Kraft", nach übermenschlicher Art. Der Antisemitismus überschätzt eher, denn unterschätzt die Kraft des Juden. Leider weiß dieser keinen Gebrauch davon zu machen, sein Selbstbewußtsein wird dadurch weder gehoben noch gestärkt., In Wirklichkeit aber bleibt auch der Jude in seinem Tun und Lassen den Gesetzen der Differenzierung, der Spezifikation noch in höherem Maße unterworfen als der Nichtjude. Dem Juden fehlt vielfach ein tatkräftiger Wirkungszusammenhang, den man als historisch-politischen, historisch-nationalen zu bezeichnen

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