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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Im Lande der Seligen *5 nüchtern eingestellten Stundisten bei der Arbeit kennen zu lernen. Weder tranken noch rauchten sie, auch fluchten sie nicht, und ihre Felder waren besser bestellt, als die der Andersgläubigen. So wußte ich immer—ohne daran sonderlich zu denken — daß irgendwo im Russenreiche, abseits von Staat und Kirche, schlichte Bauernseelen in aller Stille einen gewaltigen Kampf um religiöse Wirklichkeit führen. Sie drangen jedoch mit ihren Wahrheiten nicht durch. In der großen Welt behielt der Staat, und was für oder gegen ihn kämpfte, die Oberhand. Es kam der Krieg und mancher aus den Sekten verrichtete Samariterdienste. Sie weigerten sich vielfach das menschenmörderische Handwerk auszuüben. Im Jahre sechzehn.hörte man von einer Sekte erzählen, die mit Weib und Kind durch Dörfer und Städte zog. Sie richtete ihren Schritt gen Westen, den Schützengräben zu. Sie predigten: Krieg dem Kriege. Der Staat gebot ihnen, Halt zu machen. Der Krieg wurde vom gewaltigen Zusammenbruch abgelöst, und die Armen und Stillen im Lande waren es am wenigsten, die davon seelisch getroffen wurden. Ganze Scharen unter ihnen warteten ihr Leben lang auf den „Antichrist" und „Satan", der dem „Erlöser" vorauszugehenhätte * Und der „Antichrist" kam. Sie dachten eschatologisch, und das Ende der Welt war da. Ihre Heroen waren und blieben die Gestalten des alten und neuen Bundes, und im Schützengraben, während der Pausen zwischen zwei Angriffen, stritten sie sich oft eifrig um die himmlische Rangordnung herum: wer im Himmelreich einen höheren Platz inne habe, der Hohepriester Aron oder der Apostel Paulus; sie forschten inniglich darnach, was Moses und Christus über das mörderische Menschenwerk wohl denken und dazu sagen. Was die irdischen Heerführer und Diplomaten sagen und tun, schien ihnen belanglos. Für die Revolution zeigten sie größeres Verständnis: da trat ihnen eben der Antichrist in eigener Person entgegen, wie er seit Generationen in ihrer Seele lebte; da war alles klar und begreiflich. Durch den Krieg kam viel Geld ins Dorf. Die Frauenwelt gewann an Selbständigkeit. Der Sinn für Überfluß und Luxus war geweckt. Die Materialisation des Landes nahm beträchtlich zu. Die Losung der Oktoberrevolution: „Raube das Geraubte" — eine russische Variation der Marxschen Expropriation der Expropriateure — hat das Ihre getan. Agrarprogrome durchzuckten das ganze Land, sämtliche Spuren von Moral und Recht waren verwischt. Die sozialen Beziehungen'kleideten sich in ein kriegerisches Gewand. Kriegerische Raubwirtschaft mit einem starken merkantilistischen Einschlag bemächtigte sich des neuen Staates und seiner Einwohnerschaft. Nur beim Denken machte die neue Verfassung des Lebens Halt. Die sogenannten Gebildeten fuhren fort, gemäß ihren ideologischen Parteieinstellungen das Dasein zu sichten und zu beurteilen, und die Massen der Armen und Kleinen dachten fernerhin mythologisch und eschatologisch. Das Dasein in seiner Totalität wurde wie zuvor mit den Mitteln des Mythos und der Legende, der Sage und des Aberglaubens bewältigt und beherrscht. Da sei in Petersburg in der Zitadelle der „glorreichen" Revolution ein Kind mit Schwanz und Hörnern — ein wahrhaftiger Teufel — zur Welt gekommen; viele, alle hätten ihn

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