Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Lande der Seligen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101191-3107643--5729-3107671- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
M David Koigen: Kultureinstellung und dem Zivilisationstalent, zwischen dem individuellen und dem sozialen Geist zu vollziehen. Für jene waren jedoch keine Rosenblätter im Russenreiche gebettet. Bevor noch die Revolution vor aller Welt ihr wahres Gesicht offenbarte und wider den Geist in den Krieg zog — Geist bedeutet für sie bloße Ideologie, was dasselbe ist wie intellektuelle Demagogie — waren es die Kirche und der Staat, die aller Geistigkeit die Fehde ansagten. Immer sind es Organe der großen kollektiven Geschichte, die vom geistigen Licht geblendet werden, und sie suchen es denn auch auszulöschen. Alle in Rußland kennen die kirchliche Uniformierungsgeschichte, wie sie bereits vom Patriarchen Nikon gestaltet worden war. Die Kirche samt ihren Mythen, Heiligen, ihrer Seelsorge stellte sich in den Dienst des Staates, und der Staat war auf dem besten Wege, eine Art christlichen „Islamismus" herauszuarbeiten. Das Volk widersetzte* sich der Gefangenschaft der Religion durch den Staat, indem es vielfach in einzelnen Dorfgemeinden selber „die religiösen Satzungen" aufstellte und in „heiligen Kreisen", „Religions-Räten", im geheimen Sektenwesen der religiösen Wahrheit Genugtuung zu verschaffen strebte. Der ewige Refrain dieses Volksglaubens ist die Nähe Gottes, seine Offenbarung in jenen dem Orgiasmus ergebenen Gemeinschaften. Sie wähnten oft, dem Erlöser selbst in ihrem „heiligen Kreise" begegnet zu sein. Während die Kirche dem Staate ausgeliefert wurde, behielt das Volk die „Alten" („Starzy") und die Heiligen der Kirche für sich selber. Zwanzig Millionen Menschen zählte in der vorrevolutionären Zeit das Sektenwesen in seinen Reihen. „Chlysty", „Skopzy", „Dyrniki", „Molokane", „Besrabotniki", „Stundisten" usw. sind die Namen dieser unzähligen Gottsucher* Wer das Gehör nicht eingebüßt hat, vermochte weit hinter dem Rauschen des Flügelschlages des russischen doppelköpf igen Adlers das Summen und Singen dieser dem „heiligen Geist" fronenden Millionen zu vernehmen. Sie sangeii mit Inbrunst die Psalmen Davids, lasen „das Leben der Heiligen" ab, gaben sich in der Stille der Nacht dem ausgelassenen Tanz hin, brachten im geheimen Menschenopfer dar, oder aber entsagten der Ehe und dem Trank und suchten ihr Leben nach den Satzungen des Alten Testaments, patriarchalisch-feierlich einzurichten. Je nach Einstellung und Gegend glich ihr Leben einem Hexensabbat oder der leeren Stille einer methodistischen Sekte. Alles aber, was sie taten und ließen, war lebendig und voller Spannung. Noch vor zwanzig Jahren, als junger Student, traf ich, durch die Nöte des Schicksals begünstigt, ganze Scharen von „Besrabotniki" im Königreich Polen, wohin sie die russische Regierung verbannt hatte. Man schickte sie in die katholische Gegend, um die orthodox-griechische Bevölkerung von ihnen verschont zu wissen. Alles Apostelgestalten, mit langgewachsenem Haar und langen Bärten, und mit ihnen stattliche hübsche Frauen. Sie sangen geistliche Lieder, kommentierten Tage hindurch Texte aus beiden Testamenten und gaben vor, gleich den Vögeln, ohne zu säen und zu ernten, leben zu dürfen. Später sah ich im Süden Verehrer des Sabbats und der Juden (Jidowstwujutschie) und hatte auch Gelegenheit, die rationell-