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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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David Koigen: Im Lande der Seligen *3 DAVID KOIGEN / IM LANDE DER SELIGEN1) Suche ich mir jetzt, in aller Stille, Rechenschaft abzulegen über die tieferen Motive, die mich seiner Zeit bewogen haben, nach dem Osten zu ziehen, so muß ich es gestehen: die Geschichte im politischen, machthaberischen Sinne war es nicht, die mich je an sich lockte. Das große Ereignis, auf das die russische Welt wartete, war mir nie die Revolution. Schon als Zwanzigjährigen schreckte mich die „idee fixe" ab, die allen Revolutionen eigen ist. Damals brachte ich es denn in einer Schrift, die dem geistigen Gehalt der vormärzlichen Zeit in Deutschland (1840 er Jahre!) gewidmet war, wie folgt, zur Äußerung: „Das starke und hohe Schlagen des Lebenspulses in solchen Zeiten Jiat sogar Veranlassung zu der Meinung gegeben, die Menschen der Revolutionsjahre allein seien die wirklich von der Geschichte Beglückten, denen das graue und . träge Leben der anders gearteten Geschichtsabschnitte gegenübersteht. Diese Lebensauffassung, die im Grunde eine Verzweiflung an irgend welchen positiven Formen des kulturellen Daseins bedeutet, ist eine durch und durch pessimistische und verzehrt von Anfang an dasjenige, was sie andererseits durch ihre Äußerung im Leben zustande bringt. Blickt man auf den psychologischen Hintergrund derselben, so bekommt man die Formel: „la revolution pour la revolution", im besten Falle: „Revolution nur einer Seite des Lebens halber". Der Heros der Massenrevolution stieß mich schon damals ab, und stets fiel mir der Draufdränger und Radaumacher ins Auge, der jenen wie ein Schatten auf allen seinen verschlungenen Wegen begleitete. Ich wollte den Sozialismus, weil ich die Revolution samt ihrem Nihilismus verabscheute, und als ich einst Oscar Wilde nachzeichnete: Nun weiß ich mich „eins mit jenen Heiligen der Barrikaden", vermochte ich Jahre hindurch diesen Sündenfall nicht zu verschmerzen. Mir schwebte der Meister vor, der beiden, dem Revolutionär und dem Philister, stets ein Dorn im Auge war, der Meister samt seiner Berufung, wie diese aus dem Geiste der Reformationszeiten hervorgegangen ist. Ich lehnte nicht nur Loyola und Robespierre, sondern auch Nietzsche und Marx ab. Wenn schon Heroismus, so ein permanentunausgesetzter, der sich imEinzel- und Gesamtleben als Werk und Schöpfung verkörpert! Kein Leihen aus Pessimismus und Verzweiflung heraus, \ koste es unser Leben selbst! Wenn schon an Traditionen anknüpfen, so ist mir das europäische fünfzehnte Jahrhundert viel lieber, als das achtzehnte. Ich verspürte also keine Sehnsucht nach der Revolution, die ich von vorneherein ebensogut kannte, wie ich auch ihre unglückseligen Widersacher zu durchschauen vermochte. Was mich hinzog, war die Hoffnung auf eine Reformation, die berufen sein sollte, einen Zusammenschluß zwischen der *) Diese Darstellung schließt sich an die im vorigen Jahrgang unter dem Titel „Im Wirbel der Geschichte" veröffentlichten „losen Tagebuchblätter** unmittelbar an. (Anm. d. Red.)

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