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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 769

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Der moralische Gott [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
769 (sequence 2)
Language
German
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Umschau ^Philosophie 769 Theologie wird der Inhalt dieser theologischreligiösen Denkweise enthüllt. Ihre Form, wie alle soziale Formung, der sie entspringt, gestaltet sich horizontal. In der psychisch-mystischen Religionsart ist es das Sichselbstwollen und -fühlen, ist es die seelische Intensität, die sich anschickt,. die Kulturaktivität auszudrücken. Der Weg zur Religion liegt hier in der Richtung nach innen. Hier angelangt, löst sich das Kulturwollen. Das Kulturwollen hört auf, an sich, als an eine selbständige Macht und Kraft, zu glauben, nähert sich den Sphären des indifferenten Daseins, um endlich sich dem von innen gesehenen Ganzen zu vermählen und so in der Weltsteele, in der unio mystica unterzutauchen." Die sittliche Religion ist die religiöse Fortbildung der Ethik; d. h. in der von Kant und insbesondere von Cohen durchdachten Weise: Gott als Bürge für das Gelingen des Guten; der moralische Gott der Ethiko-Theologie ist die Garantie dafür, daß das Gute in die Wirklichkeit überhaupt hineinpaßt. So vermag erst dieser Sprung in die Religion die Ethik im Leben zu verwurzeln, die von sich selbst aus, ohne Religion und ohne Glauben, der ihr oft entgegengesetzten Wirklichkeit des Lebens gegenüber ohnmächtig wäre. Aber auch die ethische Religion genügt schließlich nicht; sie wird als reformbedürftig erkannt. Ihr fehlt das bedürfnismäßige, individuelle, intime Verhältnis zu Gott und den Dingen; die seelische Vertrautheit mit der Welt. Das Ethos reicht nicht aus, das Ganze des Einzellebens zu erschöpfen; der moralischen Religion fehlt das Gefühl und der Sinn für die Geschichte des Einzellebens, sie übersieht das ereignisreiche Werden der Einzelseele. Die Betonung der Geschichte der Einzelseele ist für das Denken Koigens besonders charakteristisch. Diesen Anforderungen genügt erst als Krone der bisherigen Religionsentwicklung der moralische Gott der Kultur. In ihm wird das Moment des Werdens, der Historie in die Idee des moralischen Gottes mit verarbeitet. „Die Ethiko-Theologie der im Grunde statischen Moralreligion wandelt sich so in eine moralisehe Historio-Theologie. Gott ist jetzt der Sinn der im Grunde moralischen Menschen- und Weltgeschichte." Von ganz besonderem Interesse ist es, wie Koiigen die zwei Hauptdimensionen des religiösen Erlebens — den schöpferischen, grundlegenden .Glaubensakt und das religiöse Gefühl, als das Erlebnis der Sicherheit, Geborgenneit, Vertrautheit und Seelenwärme, herausarbeitet und in ein Ganzes zu verweben versucht. Er verwertet hier seine psychologischen Forschungen, die ihn den nach außen gerichteten Willen vom Intimitätsgefühl unterscheiden lehrten. Mit einer gewissen Berechtigung kann er den aktiven projizierenden Akt Religion, das passive bei sich bleibende Gefühl Religiosität nennen. Religiosität verhält sich nach Koigen zur Religion „wie Gnade zur Freiheit, wie Gefühl zum Willen, wie Genialität zum Talent". „Die Religiosität ist voll an Seele, schaffensschwanger, aber blind. Erst die Religion, die sich im Beziehen und Vertrauen auf ein grundsätzliches Daseinsziel äußert, verleiht der konkreten Seele Stoßkraft und Realitätssinn. Erst die den Willensrichtungen eingehauchte Religiosität oder Weltintimität gestaltet den Willen zu einer religiös-schöpferischen, auf reales, konkretes Dasein bedachten Kraft." (In mancher Beziehung berühren sich diese Begriffe mit der Unterscheidung von Intention und Erlebnis, die der Referent selbst vor einigen Jahren in einem Aufsatze „Erlebnis und Intention" im Ziel - Jahrbuch 1918 aufgestellt bat.) Religiosität und Religion bilden zusammen mit dem Ethos erst das Grundspiel der Willenskraft, mit welchen sich das Einzelleben in die Kulturgemeinschaft schöpferisch einstellt. Im Buche Koigens findet sich auch ein Abschnitt über die Unterschiede semitischer und arischer Religiosität. Die Gedanken, die Koigen hier entwickelt, schließen, sich mit manchen willkommenen Ergänzungen und Erweiterungen den bekannten, heute zum Teil schon Gemeingut gewordenen Gedanken Martin Bubers an. Eine scharfe Fassung jüdischer bezw. semitischer Religiosität und deren Verankerung in jüdischer Seelenart sind für unser ganzes jüdisches Sein von ungeheurer Bedeutung. Der übliche und begreifliche Schwung dieser Gedanken ist der Schärfung ihrer Exaktheit nicht förderlich, und so müssen wir jedem neuen Versuch in dieser Richtung dankbar sein. Koigen setzt vorerst die Demarkationslinie nicht zwischen Judentum und Christentum, sondern zwischen semitisches und arisches Denken; wobei das Christentum selbst sich als eine Mischung von semitischen und arischen, genauer israelitischen und buddhistischen Willens-Typen darstellt. Sowohl der Semitismus wie das Ariertum sind „aktiv, und ihr Wille weist die Fähigkeit auf, kraft einer Vorstellung, eines Ideals in Bewegung gesetzt zu werden. Das Schaffen einer Kultur gemäß einem Ideale, nach einem Plane, schmiedet sie zu einer Kraft zusammen, bloß die ideale Gestalt, das ihnen entgegentretende Gesicht der Welt ist ein total verschiedenes." Das ewige Thema des semitischen Geistes ist: Umgestaltung der Welt nach einer menschlichen und göttlichen Gesetzordnung. Entgegengesetzt ist die arische Flucht vor der Welt, ins Nirvana, die Befreiung und Erlösung von der uns gegebenen Welt der Zeit und des Raumes. Der Schwerpunkt des semitischen Geistes ist das aktive Schaffen in der Zeit, auf das das menschliche und Weltleben ordnende Ziel, d. h. auf Gott (El) gesetzt. Der Semitismus strebt weg von der

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