Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der moralische Gott [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 770 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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770 Umschau: Philosophie einfachen, privaten Existenz, die durch die natürlichen Mächte und Leidenschaften bedingt wird, undbemüht sich, eine völkischstaatliche, menschheitliche Weltordnung aufzurichten. Die beschränkte und gefesselte Welt des Raumes und der Ausdehnung wird in dynamische Welt der Bewegung und des Werdens übergeführt. Das Sein wird zum Ereignis, und ein jeder nimmt teil an dessen Offenbarung. Und indem er es tut, erhebt er auch das eigene Leben in den Rang einer wert- und bedeutungsvollen Geschichte. Selbst in die Natur suchte er den Gehalt der Geschichte, der Zeit, die Vorschriften, die dort galten, hineinzutragen. Kraft der Reinigungs- und Sittlichkeitsgesetze wurde die Natur in die historisch zu gestaltende Kultur aufgenommen und aufbewahrt. Die semitische Denkart hat es demnach mit dem Werden zu tun. Die „Kulturart arischer Observanz bemüht sich dagegen, im Sein einen Ausweg aus der -Dramatik unseres Daseins zu entdecken. Jenseits aller räumlich-zeitlichen Grenzen wähnt sie die allerletzte Realität, das „Ding an sich" ausfindig zu machen. Darin sind sich alle einig: Sowohl die spätindischen Anschauungen wie die christliche Kirche und auch der reife Gedanke Europas in der "Gestalt der Kantischen Philosophie." So weit geht diese Präponderanz des Werdens, daß sie logischerweise der menschlichen Tat metaphysischen Wert verleihen muß. „Im Semitentum, wie ihn das Judentum und die israelitisch-christliche Welt reformierten und zu Ende dachten, liegt ein Gedanke aktiver Natur verborgen: die historischen Aufgaben der Welt können auch in ihrer Verwirklichung aufgehalten werden, was vom Willen einiger außerordentlicher Menschen, Geschlechter oder Völker abhängig ist. Denn alles, was-lebt in der Zeit, nimmt teil am Aufbau der Welt und folglich an der Verwirklichung der göttlichen Ziele." Die arische Willensart will nicht das Dasein umwandeln, sondern sie .sucht außerhalb unserer Zeit in der Anschauung dem eigentlichen ungeteilten jenseitigen Sein nahezukommen, seiner teilhaftig zu werden. Im Christentum selbst unterscheidet Koigen zwei Willensströmungen: die arische, welche der Verneinung des Daseins huldigt, die andere, semitische, setzt sich mit dem Leben auseinander — freilich anders, als das Judentum. Denn während dieses eine noch nicht gewordene Historie zu vollziehen sucht, während diesem das ganze Leben des Menschen, des Volkes und der Menschheit, ja Gottes Tun selbst historisch, auf Läuterung, Besserung gerichtet ist, ist das Christenganz unhistorisch; wenn auch sein Blick bereits auf das konkrete Einzelleben gerichtet ist, so bindet es sich doch vollkommen an ein einziges Ereignis historischer Natur, an das Leben Christi; an dieser einzigen Geschichte nimmt ein jeder Christ teil und sucht sie in seinem Innern nachzuschaffen; sie ist das einzige wahrhafte läuternde Ereignis. „Eine bereits vollzogene Einzelgeschichte .wird millionenfach reproduziert und aufs neue subjektiv erlebt." So kann man Christentum als symbolischen Realismus bezeichnen, während das Judentum idealistischer Realismus ist. Koigens Sinn ist auf eine Synthese gerichtet. Er sieht im homo europaeus diese religiösen Willensströmungen miteinander ringen und scheint gerade in ihrem Widerspruch ein befruchtendes Moment zu finden. Es mag fraglich erscheinen, ob religiöse Anspannung und Ausspannung — die Koigen, wie es* scheint, seiner Einteilung von Religiosität und Religion, von Willen und In-' timität gar zu nahe bringt — wirklich eine harmonische, sich gegenseitig erhöhende Willensbewewegung eingehen können; es ist ebenso fraglich, ob diese Vermischung zweier so grundverschiedener Willenstypen, wie es der semitische und arische sind, in der religiösen Schöpfung segensreich ist, ob ihre Vereinigung wirklich fruchtbar ist, ob sie sich nicht eher gegenseitig stören und aufreiben; zumindest ob es nicht für beide gut wäre, nach einer Zeit gegenseitiger Vermichungsversuche, sich wieder zu trennen und, bereichert um durch den Kampf erworbene Reife und Bewußtheit, wieder fest in die eigene eindeutige Richtung zurückzukehren. Auf eine Diskussion dieser Probleme können wir hier nicht eingehen, ebenso wie es vergebliche Bemühung wäre, von der ungeheuren Gedankenfülle dieses Buches in einem Referate ein halbwegs entsprechendes Bild zu geben. Es ist ein überreiches Buch, trotz mancher stilistischer Härten in glühendem Fluß geschrieben; — eine wertvolle Erscheinung im zukunftsfrohen Reich aufbauender Religionsphilosophie. Felix Weltsch BIBLIOGRAPHISCHES Zur Geschichte der Juden im Orient l. Arabien, als die Heimat Mohammeds und die Wiege des Islams, zog von jeher die Blicke der Forscher auf sich, die sich auch über das Judentum verbreiten mußten, da der neue Glaube seine meisten Anregungen vom Judentum erhalten hat. Obzwar nün Arabien sozusagen in der Nachbarschaft Palästinas liegt, sind seine Beziehungen zum Judentum dennoch wenig bekannt Die Zeit und Art der Einwanderung der Juden in dieses weite, wenig durchforschte Land läßt sich nicht bestimmen; sicher ist, daß sie nach der Zerstörung des zweiten Tempels (70 n. Chr), wenigstens in die nördlichen Gebiete eingewandert sind, wo wir sie zur Zeit Mohammeds als freie, ziemlich mächtige Stämme wiederfinden. Was die ältere Sage Über die Einwanderung der Juden in Arabien zu erzählen weiß, findet sich verzeichnet in