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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 768

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Der moralische Gott [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
768 (sequence 1)
Language
German
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UMSCHAU PHILOSOPHIE Der moralische Gott Von der Religion aus betrachtet kann Religionsphilosophie zerstörend jsder aufbauend sein. Ihre Anfangswirkung ist sicherlich zerstörend. Indem Religion als psychisches Phänomen, ja als menschliche Leistung erkannt wird, geht sie scheinbar eines Teiles ihrer Unantastbarkeit und Souveränität verlustig. Ihre Entstehung wird durchschaut. Gott wird ein von Menschen gedachter, oder gar erdachter Gedanke. Die weitere Entwicklung religionsphilosophischen Denkens vermag aber diese religionzerstörende Wirkung der Religionsphilosophie zu überwinden. Die Ueberlegenheit, welche wissenschaftliche Durchschauung über ihr Objekt verlangt, wird durch diese Durchschauung selbst aufgehoben. Das religiöse a priori erhebt sich hoch über die religionspsychologische Gesetzmäßigkeit— sowie in einem anderen philosophischen Gebiete die Phänomenologie über die Psychologie; sowie die Wahrheit ihren innern und Über den Erkenntnisakt weit hinausgehenden Sinn und Wert behält, auch wenn sie nur durch die Erkenntnis dem Menschen zugänglich ist, Gott ist wohl Inhalt eines innerhalb der geschichtlichen Entwicklung des Geistes entstandenen Gedankens, aber bald — und eben durch seinen Inhalt wächst dieser in seiner Macht und Dignität weit über das Niveau seiner Entstehung hinaus. Gott wird wohl als menschlich-geistige Tat erkannt, aber gleichzeitig seinem Inhalte nach als Grundlage und sinngemäße Voraussetzung alles menschlich-geistigen Tuns. So entsteht aufbauende Religionsphilosophie, In diese Kategorie gehören die religionsphilosophischen Gedanken David Koigens, die er in reicher überfließender Fülle in seinem soeben erschienenem Buche „Der moralische G o t tft *) niedergelegt hat. Der moralische Gott ist der Gott der willensmäßig begabten Kultur unserer Tage,, wie er „bereits im israelitisch-christlichen und buddhistischchristlichen System, irn Judentume und in den vielfältigen philosophisch-wissenschaftlichen Schulen seit Piaton sich durchzuringen sucht Die höchste theologische Spitze erklimmt diese Kulturrichtung in der Idee eines moralischen Gottes, darin, daß allem, was wirksam, lebendig ist, was sich „verbessert* und so „entwickelt", irgendwo und irgendwann, im Rahmen der gesamten universellen Verfassung die Gerechtigkeit widerfahren muß." Auch hier ist jener typische Vorgang zu erkennen, den wir eben geschildert haben. Auch die Kultur schafft *) Berlin, Jüdischer Verlag. sich ihren Gott, aber sobald er da ist und seine Umrisse sich zeigen und seine Kraft, erkennt man, daß Kultur ohne ihn überhaupt unmöglich ist, und* daß er ihr Sinn und ihre Voraussetzung ist. Religion erscheint als die grundlegende Satzung alles Kulturschaffens. Die Kultur ist also nicht — wie man heute oft hören und lesen kann — der Tod der Religion, ist im Gegenteil die Voraussetzung eines der Idee nach allgemein-gültigen schöpferischen Glaubens. Nicht nur Organisation des Wissens, sondern auch Organisation des Glaubens, das Erschaffen einer religiösen Realität ist die Losung der Kultur, die lebt und fällt mit der Idee des Ethos, des gerechten moralischen Gottes. Der Kulturmensch in seiner Eigenschaft als Bildender, Schaffender und Umschattender kann nur von einer Religion erlöst werden, die .....selbst Schöpfung einer sich genügenden Welt ist, an deren Bau er aktiv teilnimmt. Der moralische Gott des Kulturschaffens ist die uns einzig befriedigende Gestaltung des Gottesbegriffes. Es ist äußerst reizvoll, die Geschichte des Gottesbegriffes und der Religionsentwicklung zu verfolgen, wie sie uns Koigen schildert. Er findet die naturalistische, soziologische, psychologische und sittliche Religionsgestaltung, je nachdem von welchen Bewußtseinstypen und mit welchen Methoden dem Problem der Religion zuleibe gerückt wird: das nämlich zu entdecken, was der Sinn aller Religionsschöpfung ist, „letzte Lebensroöglichkeit zu schaffen; das Menschendasein zu begründen und zu befestigen, — eine Kraft im Menschenleben zu erfassen, die das Dasein vom Innern aus trägt und beflügelt". Meisterhaft beschreibt Koigen die so entstehenden Religions-Typen: „Im naturalistischen Aufbau der Religion war es das Wissen eines denkenden, wissenden Kosmos oder Universums, das die Aktivität der Kultur zum Ausdruck brachte. Das religiöse Verhalten und Schaffen ging hier in dem Prozeß des Wissens, der Wissenschaft und Verwissenschaftlichung selber auf. Das theologisch-religiöse Bild gestaltet sich vertikal, nach oben, gen das Gewölbe des . Kosmos richtet hier der Einzelne seinen Blick. Die soziologische Gestaltungsart gründet hingegen die Religion auf das Geschehen, auf das Mitgeschehen der menschlichen sozialen Welt. Die Prozesse der sozialen Bildung, die Vergesellschaftung, die Verbindungen der Menschen erzeugen aus sich heraus oder vernichten gar in ihrem Gange die religiöse Wirklichkeit. Nicht Gott nach der Art der erkannten Physis, sondern ein Gott nach Menschenart; in den Grenzen der menschlichen Zeugung, in der Anthropo-

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