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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 765

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Panasien
Date
1921-01-01
Page
765 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Panasien 765 Wissen. Ihre Verwirklichung ist das Sekundäre; ihr Primäres ist ihre Existenz an sich, die befähigt ist, den Osten in einer unerhörten Weise zu revolutionieren, gegen die alle Kolonialkriege Operettenspiele sind. Sie stellt paränetis'che Exempel auf und ist an kein Programm gebunden — schon weil sie perennierend ist —, sie wirkt sich politisch aus und ist doch kein politisches Argument, sie hat keine Methode und teilt dennoch sich von Herz zu Herz mit, und ob nun ihrer Anhänger viele oder wenige sind: sie ist ein steil aufwachsender Berg an allen vier Enden Asiens, der sich in die Himmel der Zukunft reckt. Eines ist sicher: sie ist, sie zeugt und gebiert, sie weckt den Orient, dessen Leben der Westen seit dem Ausbruch seines Machtwahns als Schlaf anzusehen gewöhnt ist, weil er widerstandslos Opium und Grammophone einführen, die Seelen zermürben und das letzte Lebensglück sich zertreten ließ; sie ist kein grotesker Heiliger Krieg, wie ihn 1914 der deutsche Militarismus zum Gihäd stempeln zu können glaubte: sie ist die Mutter des letzten .heiligen Kriegs, des Kriegs der unbedingten hingebenden Liebe zur Gemeinschaft im letzten Grunde religiöser Menschen gegen die schreckliche okzidentale Lüge von der Individualität (die der Kapitalismus trotz allem vom Liberalismus ererbte), und der primären Stellung des werteschaffenden Verstandes im Individuum. Beispiele von großer ethischer Gewalt sind vorhanden : das Manifest eines Gandhi — kampfloser Kampf gegen die brutale Gewalt —, der Opfertod eines Landauer; zwei Orientalen, der eine in der Heimat, der andere heimatlos, auf der schwankenden Basis des Wissens um seine orientalische Abkunft: beide Söhne der nämlichen Idee. Die Instrumente der „positiven Forschung* versagen, müssen versagen, das aufgetane Herz zeichnet mit seinem Blute einen Weg zum Absoluten, den nur der Oestier in seiner Eigenart beschreiten kann, und es ruft Hallelujah noch im Sterben, in China, in Indien und einst auch auf Palästinas arabisch-jüdischer Erde. Ein Hallelujah, das das nämliche ist im vordem und im fernen Osten! (Für all das verzweifelte Erleben, das uns, verkommende Abkömmlinge einst freier Beduinenstämme, Europa in seinem latenten Kreuzzug auferlegt, ein Aequivalent; ein Aequivalent, dessen hinreißende Größe an westlichen Maßstäben seit dem Verschwinden mittelalterlicher Ekstatiker nicht mehr gemessen werden kann.) Bald wird die Wissenschaft versuchen, sich dieser Idee zu bemächtigen, sie zu registrieren, sie einzuordnen, sie als irgendeine Kategorie erscheinen zu lassen (als gäbe es hier eine Relation!). Gut, es kann ihr dies keinen Abbruch tun. Wir aber, die wir bedacht sind, die Ketten europäischer Zweckwissenschaft abzustreifen, um unsre Seele zu retten, erkennen sie nur aus unserem und aus dem vielfältigen Leben des Ostens, wir, die wir nicht so leicht-fertig das richtige Wort am richtigen Platz finden, weil wir schwerer Zunge sind, vermessen uns nicht diese Idee in einwandfreie Deskriptiönen zu bringen. Wir müsssen uns bescheiden, sie aus dichterischen Versuchen (dichterisch in jeder Manifestation) erahnen zu lassen. Ueber einen dieser Versuche der letzten Zeit einige Worte: Kakuzo Okakuras Buch „Die Ideale des Ostens", dessen längst erwartete deutsche Ausgabe endlich erschien*), ist ein Buch über japanische Kunst, Ja, man kann es als solches lesen. Es gibt glänzende Aufschlüsse Über das Werden, Wachsen und Blühen der Kunst in Japan, zeichnet mit ein paar unglaublich geschickten Pinselstrichen die ganze Historie östlicher Kunst auf; man kann es aber auch anders lesen, das heißt: man muß es auch anders lesen. Kunst ist hier nichts weiter als die typische Manifestation der geöffneten östlichen Seele, jener Seele, deren oberstes Gesetz „die Selbstopferung des Individuums an die Allgemeinheit", oder „die Sehnsucht nach der Buddhaschaft zum Heile des Andern, nicht des eigenen Ich** ist. Wäre irgendeine Lebensäußerung derart symptomatisch für Herz und Gehirn des Oestiers, dann könnte mit gleicher Notwendigkeit Über sie gehandelt werden. Nun ist aber Kunst gleicherweise elementarer Aufschrei wie Geistesprodukt, Intuition wie spekulative Philosophie, Herz und Gehirn, srodaß ein Werk östlichen Kunstschaffens — mit Herz und Gehirn betrachtet — mit überwältigender Gewalt den Leitsatz des panasiatischen Gedankens „So-unleugbar Asien *) Im Inselverlag zu Leipzig.

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